Nach Olympia-Aus der Nordischen Kombination: Sportler und Verbände kämpfen um die Zukunft
Berlin, 08. Juli 2026
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Kurzfassung
Das IOC hat die Nordische Kombination aus dem Programm der Winterspiele 2030 in den französischen Alpen gestrichen. Athletinnen, Athleten und Verbände in Deutschland und Österreich reagieren mit Bestürzung und setzen auf eine Rückkehr 2034.
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat die Nordische Kombination nach über 100 Jahren aus dem Programm der Winterspiele 2030 gestrichen und löst damit in Deutschland und Österreich scharfe Kritik, tiefe Enttäuschung und einen Wettlauf um die Zukunft der Sportart aus.
Die Entscheidung aus Lausanne
Die Nachricht traf die Szene wie ein Schlag. Das IOC gab nach einer Sitzung seiner Exekutive bekannt, dass die Nordische Kombination bei den Winterspielen 2030 in den französischen Alpen nicht mehr Teil des olympischen Programms sein wird. Seit den ersten Winterspielen 1924 in Chamonix war die Disziplin, die Skispringen und Langlauf vereint, fester Bestandteil des Programms. Damit verschwindet vorerst auch die seit Jahren vorbereitete Premiere der Frauen bei Olympia vom Tableau. Stattdessen feiern Freeride (Ski und Snowboard) und Synchro9, der synchrone Eiskunstlauf, 2030 ihr Olympia-Debüt.
Die IOC-Präsidentin Kirsty Coventry begründete den Schritt mit der strategischen Neuausrichtung des Komitees. Die Sportart konzentriere sich auf zu wenige Länder, lediglich fünf Nationen hätten in der 102-jährigen Geschichte Medaillen gewonnen, heißt es aus Lausanne. Coventry sagte zugleich: "Die Möglichkeit für 2034 ist immer offen." Für die Protagonistinnen und Protagonisten der Kombination klingt das nach wenig Trost in einer Situation, in der Sport, Beruf und Lebensplanung gleichzeitig auf dem Spiel stehen.
Reaktionen in Deutschland
Beim Deutschen Skiverband (DSV) schlug die Entscheidung tiefe Wunden. Sportdirektor Horst Hüttel sprach von einer "niederschmetternden und sehr enttäuschenden" Entscheidung und betonte: "Wir werden hart daran arbeiten, die Nordische Kombination 2034 wieder bei den Olympischen Winterspielen zu sehen." Hüttel kündigte an, die zugrunde liegenden Studien und Zahlen vom IOC öffentlich einzufordern: "Wir haben ja auch Zahlen, wir haben ja auch Fakten." Bis zur nächsten WM 2027 in Falun habe der DSV den Aktiven zudem Unterstützung zugesichert.
Auch Athletinnen und Athleten reagierten unmittelbar. Nathalie Armbruster, die in der Saison 2024/25 als erste und bislang einzige deutsche Kombiniererin den Gesamtweltcup gewonnen hatte, kritisierte die IOC-Argumente scharf. Sie habe den Traum gehabt, 2030 vielleicht um Gold zu kämpfen: "Natürlich war es ein Schlag ins Gesicht für mich." Das IOC trage die Leistung der vergangenen Jahre und die Geschichte der Sportart "mit den Füßen" und verrate seine eigenen olympischen Werte. Armbruster verwies darauf, dass sechs Nationen bei den Damen unter den Top Sechs gelegen hätten und fünf Herren-Nationen unter den besten Zehn bei Olympia vertreten gewesen seien.
Bundestrainer Eric Frenzel, selbst dreimaliger Olympiasieger und mit insgesamt sieben Olympia-Medaillen dekoriert, rang um Worte: "Mir fällt es enorm schwer, Worte zu finden." Er sieht seine Schützlinge um Ziele und Träume gebracht. Florian Aichinger, Bundestrainer der Frauen, erfuhr die Nachricht mitten im Lehrgang in Oberstdorf: "Das hat uns natürlich schon schwer getroffen und lässt uns auch ein Stück weit sprachlos zurück." Besonders hart treffe es die Kombiniererinnen, die seit Jahren auf das Olympia-Debüt hingearbeitet hätten.
Stimmen aus Österreich
In Österreich wiegt die Enttäuschung nicht minder schwer. ÖSV-Sportdirektor Mario Stecher, einst selbst Weltcupsieger am Holmenkollen, sprach von einem "Schlag ins Gesicht" und hob die rot-weiß-rote Tradition hervor. Mit insgesamt 19 Olympiamedaillen, davon drei in Gold, gehört Österreich zu den erfolgreichsten Nationen in dieser Disziplin. Stecher warnte zugleich vor Kettenreaktionen: "Auch das Skispringen ist unmittelbar betroffen. Ohne olympische Perspektive wird es schwieriger werden, Schanzenanlagen zu erhalten und den Nachwuchs zu fördern."
ÖSV-Kombinationstrainer Christoph Bieler sprach im APA-Gespräch von einer "wirklich erschütternden Nachricht für die Kombination, aber meines Erachtens auch für den gesamten Wintersport". Er sei beim Training mit Deutschlands bester Athletin Nathalie Armbruster gewesen, als ihn die Mitteilung ereilte, und schilderte: "Ihm habe die Mitteilung des IOC im ersten Moment den Boden unter den Füßen weggezogen." Topathlet Johannes Lamparter, Doppelweltmeister von 2021 und zweifacher Gesamtweltcupsieger, zeigte sich gefasst: "Es geht weiter." Gleichzeitig räumte er ein, die Begründung des IOC nicht zu verstehen: "Natürlich haben die ganzen Punkte, die sie erwähnt haben, uns alle getroffen, aber in anderen Sportarten gewinnen auch oft die Gleichen."
Die 22-jährige Lisa Hirner, deren großes Karriereziel mit der Olympia-Premiere der Frauen verschwand, sprach von einer schwer verdaulichen Entscheidung. "Das war natürlich ein gescheiter Schlag in die Magengrube", sagte sie im ORF-Interview. Florian Liegl, sportlicher Leiter der Nordischen Kombination im ÖSV, sieht die von Lausanne formulierten Hausaufgaben als erfüllt an: "Ich denke, diese Sachen wurden alle umgesetzt." Dennoch, so Liegl, sei die Enttäuschung groß. Nun gelte es, die positiven Tendenzen der vergangenen Jahre zu bewahren.
Die Argumente des IOC
Johannes Rydzek, der erst im vergangenen Winter im Alter von 34 Jahren seine aktive Karriere beendete und heute als Athletensprecher im Weltverband FIS fungiert, brachte die emotionale Dimension auf den Punkt: "Uns hat es den Boden unter den Füßen weggezogen." Zugleich betonte er die intrinsische Motivation der Sportlerinnen und Sportler: "Wir machen das nicht nur für die olympische Bühne, sondern weil wir den Sport so sehr lieben." Diese Haltung deckt sich mit den Worten von Armbruster, die sagte: "Man hat so, auch ehrlich gesagt, Angst vor der Zukunft, weil dieser Sport ist nicht nur unser Beruf, es ist auch unsere Leidenschaft, gerade für mich."
Hinter der Entscheidung steht nach Darstellung des IOC eine nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung. Die Nordische Kombination konzentriere sich auf sehr wenige Länder, sei international zu wenig verbreitet und werde auf hohem Niveau nur von einer schmalen Spitze betrieben. Armbruster hält diesen Argumenten entgegen, dass das IOC sie bereits vor vier Jahren habe hören müssen und sie mit den Ergebnissen der letzten Jahre "schwarz auf weiß widerlegt" werden könnten. Coventry hatte zudem darauf verwiesen, dass die Athletinnen und Athleten weiterhin "schöne Wettkampfstätten, schöne Dörfer und eine schöne Erfahrung" bekämen.
Finanzen, Förderung und die Rolle der FIS
Die ökonomischen Sorgen sind indes konkret. "Wie soll sich ein Sport weiterentwickeln, wenn Fördergelder in vielen Nationen fehlen?", fragte Lamparter. Hüttel sieht die FIS besonders gefordert. Diese habe, so Lamparter, den Verbänden aber bereits zugesichert, hinter der Nordischen Kombination zu stehen und sie so gut wie möglich zu unterstützen. Kurzfristig bestehe, darin sind sich Hüttel und der ÖSPORT-Bereich einig, keine Gefahr, dass Förderungen wegfallen oder Heeressportlerinnen und -sportler um ihre Anstellungen bangen müssten.
Rydzek berichtete von einer DSV-Zusage, dass es bis zur WM 2027 in Falun so weitergehe wie bislang. In den Weltcups wird die Disziplin voraussichtlich ohnehin Bestand haben. "Aber wie lange, das weiß man nicht", warnte Frenzel. Auch Hüttel richtete den Blick nach vorn: "Wir werden nach vorn blicken und hoffen, diese Chance für 2034, die dann im nächsten Jahr aller Voraussicht nach wieder auf die Agenda des IOC kommt, mit neuer Kraft und einem neuen Fis-Präsidenten Alexander Ospelt anzugehen."
Weitere IOC-Beschlüsse
Parallel zur Sportart-Debatte traf die IOC-Sitzung Entscheidungen mit anderer Reichweite. So sollen künftig alle Athletinnen und Athleten eine Antrittsprämie von 10.000 US-Dollar (rund 8.800 Euro) beantragen können, wofür das IOC pro Olympiazyklus einen Fonds von 140 Millionen US-Dollar bereitstellt. Außerdem können russische Sportlerinnen und Sportler bei den Sommerspielen 2028 in Los Angeles auch in Teamsportarten an den Start gehen, müssen jedoch mehrere Dopingtests unter Aufsicht der International Testing Agency absolvieren. Das ukrainische Ministerium verurteilte diesen Schritt als "beunruhigendes Signal für die gesamte internationale Gemeinschaft".
Die Nordische Kombination steht nun vor einer Bewährungsprobe. Über 100 Jahre olympische Geschichte, zwölf deutsche und neunzehn österreichische Medaillen, prägende Athleten wie Mario Stecher, Klaus Sulzenbacher, Felix Gottwald, Bernhard Gruber, Eric Frenzel, Johannes Rydzek, Nathalie Armbruster und Johannes Lamparter stehen gegen eine Entscheidung, die in Lausanne als "nur logisch" gerahmt wird. In Oberstdorf, Oberwiesenthal, Schonach und den Tiroler Trainingszentren werden unterdessen Wege gesucht, den Lebensfaden dieser Sportart nicht abreißen zu lassen. Die nächsten Monate werden zeigen, ob der Verweis auf 2034 mehr ist als ein Trostpflaster.
Fragen & Antworten
Warum hat das IOC die Nordische Kombination aus dem Olympia-Programm 2030 gestrichen?
Das IOC begründet den Schritt mit der strategischen Neuausrichtung: Die Sportart konzentriere sich auf zu wenige Länder und werde international nur auf schmaler Basis betrieben. Präsidentin Kirsty Coventry hält eine Rückkehr 2034 aber für möglich.
Wer hat gegen die Entscheidung protestiert?
Aus Deutschland übten DSV-Sportdirektor Horst Hüttel, Bundestrainer Eric Frenzel, Florian Aichinger sowie Nathalie Armbruster scharfe Kritik. Aus Österreich äußerten ÖSV-Sportdirektor Mario Stecher, Trainer Christoph Bieler und Johannes Lamparter ihren Unmut.
Was bedeutet das Aus für die Kombiniererinnen?
Die seit Jahren vorbereitete Olympia-Premiere der Frauen entfällt damit vorerst. Athletinnen wie Nathalie Armbruster und Lisa Hirner verlieren ein zentrales Karriereziel, Weltcup und WM sollen vorerst aber weiter stattfinden.
Nordische Kombination: IOC streicht Sportart bei Olympia | sportnachrichten