Die Hamburger Bevölkerung hat in einem Referendum mehrheitlich gegen eine Olympia-Bewerbung für 2036, 2040 oder 2044 gestimmt. Erster Bürgermeister Peter Tschentscher zog die Kandidatur daraufhin umgehend zurück.
Beim Olympia-Referendum in Hamburg stimmten 54,9 Prozent der Wählerinnen und Wähler gegen eine Bewerbung der Hansestadt um die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044, woraufhin der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) die Kandidatur noch am Wahlabend zurückzog.
Das endgültige Ergebnis des Bürgerentscheids vom Sonntag zeigt 357.911 Nein-Stimmen (54,9 Prozent) gegenüber 293.819 Ja-Stimmen (45,1 Prozent). Die Wahlbeteiligung lag bei 49,5 Prozent, wobei 87,1 Prozent der Stimmen bereits vor dem Wahltag per Briefwahl abgegeben worden waren. Rund 1,3 Millionen Hamburgerinnen und Hamburger ab 16 Jahren waren stimmberechtigt.
Bereits bei der ersten Auszählung gegen 19:08 Uhr zeichnete sich mit rund der Hälfte der ausgezählten Stimmen ein Nein-Votum von 54,8 Prozent ab. Das klare Ergebnis überraschte viele Beobachter, da in anderen deutschen Bewerberstädten wie München und der Rhein-Ruhr-Region zuvor deutliche Mehrheiten für Olympia-Pläne gestimmt hatten.
Reaktionen aus Politik und Sport
Erster Bürgermeister Peter Tschentscher erklärte unmittelbar nach Bekanntwerden des Ergebnisses: „Das Votum gegen die Bewerbung ist für den Senat verbindlich. Ich bedauere die Entscheidung, aber ich habe soeben den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes darüber informiert, dass Hamburg die Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Spiele nicht aufrecht erhält."
Tschentscher räumte ein, dass die Skepsis gegenüber Olympia in Hamburg traditionell größer sei als in vielen anderen Städten. „Wir wussten aus dem früheren Referendum, dass die Skepsis gegenüber Olympia in Hamburg größer ist als in vielen anderen Städten", sagte der SPD-Politiker. Der Senat werde nun die Stadtentwicklungsziele und große Infrastrukturprojekte auch ohne den Rückenwind der Spiele verfolgen.
Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) bezeichnete das Ergebnis als „bittere Enttäuschung" und sprach von einer verpassten Chance für die Stadt. Sportsenator Andy Grote (SPD) dankte den Unterstützern und kündigte an, die positive Energie aus der Kampagne für Projekte zur Bewegungsförderung von Kindern und Jugendlichen nutzen zu wollen.
Wirtschaft bedauert verpasste Chance
Auch aus der Wirtschaft kam scharfe Kritik. Norbert Aust, Präses der Handelskammer Hamburg, sagte: „Wir sind weiterhin überzeugt, dass Olympische und Paralympische Spiele große Chancen für Hamburgs internationale Sichtbarkeit, wirtschaftliche Entwicklung und Infrastruktur geboten hätten." Ein positives Votum wäre ein wichtiges Signal gewesen, dass Hamburg sich Großes zutraue.
Hjalmar Stemmann, Präsident der Handwerkskammer Hamburg, erklärte: „Wir sind überzeugt, dass Hamburg im Wettbewerb der Bewerberstädte eine starke Position gehabt hätte. Unsere Stadt hat heute eine Chance vertan, über sich selbst hinauszuwachsen." Hans Fabian Kruse, Präsident des Unternehmerverbands AGA, nannte das Ergebnis ein „bitteres Signal", da Hamburg die einzige Bewerberstadt sei, in der die Bevölkerung gegen Olympia gestimmt habe.
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) äußerte Bedauern über den Ausgang. „Natürlich hätten wir uns sehr über Olympische und Paralympische Spiele in Hamburg gefreut. Hamburg hätte gemeinsam mit Kiel großartige und weltoffene maritime Spiele ausrichten können", sagte Günther. Er betonte zugleich: „Das Referendum war ein demokratischer Vorgang, und das Votum der Mehrheit ist zu akzeptieren."
Stimmen aus Schleswig-Holstein und dem DOSB
In Kiel hatte ein Bürgerentscheid am 19. April mit 63,5 Prozent Zustimmung dafür votiert, sich als Segelstandort für eine Olympia-Bewerbung zu empfehlen. Die Ruder-Olympiasiegerin Meike Evers-Rölver, Vizepräsidentin des Landessportverbandes Schleswig-Holstein, sagte: „Es ist wirklich schade, dass die Hamburger schon wieder gegen die Olympischen Spiele gestimmt haben. Aber es ist ein demokratischer Prozess und dem müssen wir uns stellen. Für Kiel heißt das jetzt, dass wir auf München oder Rhein-Ruhr hoffen müssen."
DOSB-Vorstandsvorsitzender Otto Fricke zeigte sich frustriert: „Für uns ist das ein bisschen frustrierend nach 19 positiven Ergebnissen, dass Hamburg demokratisch gesagt hat: Nein, bei uns in der Stadt wollen wir das nicht. Aber das gehört dazu. Das ist auch Teil unseres transparenten Verfahrens." Fricke wertete das Nein zugleich als Beleg dafür, dass es richtig gewesen sei, den Bewerbern die Möglichkeit zu Referenden zu geben.
DOSB-Präsident Thomas Weikert betonte, dass bundesweit eine Mehrheit der Menschen für Olympische Spiele in Deutschland sei. Sportsstaatsministerin Christiane Schenderlein (CDU) sagte: „Unser Land will und braucht diese Spiele." Sie forderte, im weiteren Verfahren das Konzept mit den größten Erfolgschancen zu finden und international weiter zu überzeugen.
Die Olympia-Gegner zeigten sich erfreut. Eckart Maudrich von der Initiative NOlympia sagte: „Die Freude ist groß, aber wir sehen gleichzeitig die Zerrissenheit einer Stadt. Die Spielregeln des IOC sind keine, die für den Sport stehen, sondern für eine Abschöpfung. Sie nehmen mehr weg als sie geben." Das Ergebnis zeige, dass sich die Hamburger nicht von einer millionenteuren Werbekampagne hätten beeinflussen lassen.
Olympia-Gegner feiern Erfolg
Beachvolleyball-Olympiasiegerin Laura Ludwig (Rio 2016) zeigte sich überrascht: „Es verwundert mich. Ich bin extrem positiv hier hergefahren. Aber wir werden es akzeptieren müssen." Auch der sportpolitische Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion, Dirk Kienscherf, sagte, die Bürger müssten entscheiden, und es wäre traurig, wenn man später nach München blicken und feststellen müsse, wie großartig solche Spiele seien.
Mit dem Ausscheiden Hamburgs verbleiben noch drei Kandidaten im nationalen Auswahlverfahren des DOSB: München, die Rhein-Ruhr-Region mit Köln als Zentrum sowie Berlin. München hatte sein Referendum mit 66,4 Prozent Zustimmung gewonnen – das erste erfolgreiche Referendum für Olympische Sommerspiele weltweit. Die Rhein-Ruhr-Region erzielte in ihren Kommunen ähnlich hohe Zustimmungswerte.
Das nationale Rennen: München, Rhein-Ruhr und Berlin
Berlin verzichtete aus verfassungsrechtlichen Gründen auf ein Referendum; das Abgeordnetenhaus stimmte mehrheitlich für eine Bewerbung. Die Opposition hat jedoch ein Volksbegehren gegen Olympia angekündigt, falls der DOSB Berlin auswählt. München kann auf sein Olympia-Erbe von 1972, wirtschaftliche Stärke und internationale Bekanntheit bauen. Die Rhein-Ruhr-Bewerbung verweist auf ein Potenzial von 14 Millionen Tickets für Sommerspiele.
Eine Evaluierungskommission wird nun eine Empfehlung aussprechen, bevor eine außerordentliche DOSB-Mitgliederversammlung am 26. September in Baden-Baden den deutschen Bewerber bestimmt. Die Frist zur Einreichung der Bewerbungsunterlagen beim DOSB endet am Donnerstagabend. Bewertet werden die Konzepte nach Kriterien wie internationaler Strahlkraft und wirtschaftlicher Tragfähigkeit.
Internationale Perspektive und IOC-Reform
International gelten Indien und Katar als mögliche Kandidaten für die Sommerspiele 2036. In Europa haben Madrid, Budapest und Istanbul olympische Pläne, und der Norden Großbritanniens prüft eine Bewerbung für den Zeitraum ab 2040. IOC-Mitglied Michael Mronz sagte dem Hamburger Abendblatt: „Der Wettbewerb ist hart, und wir als Deutschland müssen bereit sein, wenn Europa wieder gefragt ist."
Die neue IOC-Präsidentin Kirsty Coventry hat eine Kommission eingesetzt, die das aktuelle Auswahlverfahren für Olympia-Gastgeber überprüft. Ergebnisse werden Ende Juni erwartet. Für Hamburg ist es bereits das zweite gescheiterte Olympia-Referendum: Bereits im November 2015 hatte die Stadt eine Bewerbung um die Spiele 2024 abgelehnt.
Fragen & Antworten
Warum hat Hamburg gegen eine Olympia-Bewerbung gestimmt?
Laut der NOlympia-Initiative waren die finanziellen Risiken und die Regeln des IOC, die eher auf Abschöpfung als auf Sportförderung ausgelegt seien, wesentliche Gründe. Zudem war die Skepsis gegenüber Olympia in Hamburg traditionell größer als in anderen deutschen Städten.
Welche Städte sind noch im Rennen um die deutsche Olympia-Kandidatur?
Nach dem Ausscheiden Hamburgs bewerben sich noch München, die Rhein-Ruhr-Region mit Köln als Zentrum und Berlin um die nationale Olympia-Kandidatur für 2036, 2040 oder 2044.
Was passiert jetzt mit den Hamburger Olympia-Plänen?
Der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher hat die Bewerbung unmittelbar nach dem Referendum zurückgezogen. Der Senat will nun wichtige Stadtentwicklungs- und Infrastrukturprojekte auch ohne die Spiele vorantreiben.