Enhanced Games 2026: Steroid-Olympia in Las Vegas gestartet | sportnachrichten
Enhanced Games in Las Vegas: Umstrittenes „Steroid-Olympia“ feiert Premiere
Las Vegas, 21. Mai 2026
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Kurzfassung
Am Sonntag beginnen in Las Vegas die ersten Enhanced Games, bei denen Doping erlaubt ist. Sportverbände und Mediziner warnen vor den lebensgefährlichen Risiken der hochdotierten Wettkämpfe.
Am Sonntag starten in Las Vegas erstmals die „Enhanced Games“, eine privat finanzierte Sportveranstaltung, bei der leistungssteigernde Substanzen nicht nur erlaubt, sondern erwünscht sind.
Die eigens für das Event errichtete Arena im Resort „World“ fasst 2.500 Zuschauer, 900 davon in VIP-Logen. Bauarbeiter zogen den Komplex in nur vier Wochen hoch, die Kosten betrugen 50 Millionen Dollar. Über 40 Athleten aus aller Welt treten in den Disziplinen Schwimmen, Leichtathletik und Gewichtheben an. Geplant sind unter anderem 50-Meter- und 100-Meter-Freistil- und Schmetterlingsrennen, ein 100-Meter-Sprint, 100-Meter- und 110-Meter-Hürdenläufe sowie ein „Strongman“-Deadlift-Duell.
Die Grundannahme der Veranstalter ist ebenso einfach wie umstritten: Sauberen Spitzensport gebe es ohnehin nicht – ausgeglichene Verhältnisse könne man daher nur gewährleisten, wenn man leistungssteigernde Mittel für alle erlaube. Aron D’Souza, der Gründer der Enhanced Games, hat das mehrfach so erklärt. Er spricht von einem Event, bei dem „Spitzensportler die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit ausloten“ sollen.
Ein Geschäftsmodell der besonderen Art
Insgesamt werden 25 Millionen US-Dollar an Preisgeldern ausgeschüttet. Für einen Sieg in einer Einzeldisziplin gibt es 250.000 Dollar; bricht ein Athlet den Weltrekord über 100 Meter Sprint oder 50 Meter Freistil, erhält er eine zusätzliche Million Dollar. Das ist ein Vielfaches dessen, was Sportler bei traditionellen Wettkämpfen verdienen – in Deutschland etwa beträgt die staatliche Olympia-Goldprämie lediglich 20.000 Euro.
Mit 42 Jahren gilt der australische Schwimmer James Magnussen als einer der prominenteresten Teilnehmer. Er hatte vorab unverblümt erklärt, er wolle sich „bis zu den Kiemen vollpumpen“, um den 50-Meter-Freistil-Weltrekord zu knacken. Aus Deutschland treten der Läufer Mike Bryan und der Schwimmer Marius Kusch an. Kusch, Kurzbahn-Europameister von 2019 über 100 Meter Schmetterling, betonte in einem Instagram-Video, die Enhanced Games seien für ihn „Entertainment“ und keine Alternative zum sauberen Sport. Gleichzeitig kritisierte er die mangelnden finanziellen Möglichkeiten im traditionellen System: Damit habe er „nie die finanzielle Stabilität“ erreicht, um sich eine Zukunft aufzubauen.
Die Athleten und ihre Beweggründe
Der 30-jährige Texaner Fred Kerley, Weltmeister über 100 Meter von 2022 und zweifacher Olympiamedaillengewinner, ist einer der prominenten Namen auf der Tartanbahn. Er wird versuchen, Usain Bolts 100-Meter-Weltrekord von 9,58 Sekunden zu unterbieten. Kerley und auch der frühere Radprofi Lance Armstrong haben erklärt, sie würden bei den Spielen keine leistungssteigernden Mittel einsetzen.
Die Organisatoren teilten mit, dass 91 Prozent der Athleten Testosteron oder Testosteronester, 79 Prozent menschliches Wachstumshormon und 62 Prozent Stimulanzien wie Adderall verwendeten. Die Substanzen seien FDA-zugelassen und würden von Ärzten verschrieben, so das Unternehmen. Die Vorbereitung der Teilnehmer fand über 16 Wochen im Sheikh Shakhbout Medical Center in Abu Dhabi statt.
Mediziner und Sportwissenschaftler schlagen Alarm. Aaron Baggish, Professor für Medizin an der Universität Lausanne, wurde eigenen Angaben zufolge gefragt, ob er als Arzt für die Enhanced Games tätig werden wolle, lehnte jedoch sofort ab. Er warnt: „FDA-Zulassung bedeutet nicht, dass eine Anwendung sicher ist, wenn das Medikament nicht so eingesetzt wird, wie die FDA es zugelassen hat.“ Es sei ein Unterschied, ob jemand Testosteron erhalte, weil er einen Mangel habe, oder ob er hoch dosiert für sportliche Höchstleistungen nachhelfe. Forschungsergebnisse zeigten, dass hohe Dosen etwa das Risiko für Herzkrankheiten erhöhten.
Medizinische Bedenken und Studiendaten
Baggish bezeichnet den Umstand, dass mehr als 90 Prozent der Enhanced-Athleten Testosteron nähmen, als „sehr besorgniserregend“. Man dürfe „kurzfristigen Erfolg nicht mit langfristigen Konsequenzen verwechseln“. Auch wenn viele Teilnehmer die Spiele vermutlich ohne sichtbare Probleme durchstünden, fragt er: „What happens to them three years from now, five years from now?“
Die Internationale Föderation für Sportmedizin hält die medizinische Überwachung für „unzureichend“, um die Athleten zu schützen. D’Souza hingegen behauptet, die Protokolle seien personalisiert und die Sportler würden ständig überwacht. Baggish entgegnet: „Das ist, als würde ich als Arzt jemandem, der Zigaretten raucht, sagen, ich könne das Rauchen für ihn sicher machen. Es gibt schlichtweg keine Möglichkeit, den Gebrauch dieser Mittel kurzfristig oder langfristig medizinisch sicher zu machen. Es ist im Grunde ein Naturexperiment, um zu sehen, was passiert.“
Michael Joyner, klinischer Anästhesist mit Schwerpunkt Physiologie, verweist auf jahrzehntelange Forschung: Studien belegten einen Zusammenhang zwischen vorzeitigem Tod von Bodybuildern und Steroidkonsum, ebenso wie Archivdaten aus der DDR der 1960er-Jahre. „Die Frage ist: Was will man hier beweisen? Dass anabole Steroide wirken, ist seit Jahren bekannt. Ich verstehe nicht, was daran neu sein soll.“
Libertäre Ideologie und Investoren aus dem Silicon Valley
Die finanzielle Rückendeckung stammt von finanzkräftigen Investoren aus dem Umfeld des Silicon Valley und der US-Politik. Peter Thiel, deutsch-amerikanischer Multimilliardär und Verfechter transhumanistischer Ideen, ist ebenso beteiligt wie Donald Trump Jr., dessen Beteiligungsfirma 1789 Capitol ebenfalls Geld gibt. Trump Jr. ließ wissen, er könne „nicht stolzer sein, diese Bewegung zu unterstützen, die den Sport für immer verändert.“
Gründer Aron D’Souza, ein in Oxford ausgebildeter Jurist, präsentiert die Spiele gern als Freiheitsprojekt. Er bedient sich feministischer Rhetorik: „My body, my choice.“ Kein Verband, keine Regierung und keine „paternalistische Bürokratie“ solle Sportlern vorschreiben, was sie mit ihrem Körper tun dürften. Zugleich rühmt er die Spiele als „Zukunftsprojekt für Exzellenz, Innovation und amerikanische Dominanz auf der Weltbühne – also genau das, wofür auch die MAGA-Bewegung steht.“
D’Souzas Vision geht über Sport hinaus: Er will „eine neue Supermenschheit“ schaffen und die Menschheit „ins nächste Zeitalter führen“. Gegenüber dem Schweizer „Tagesanzeiger“ sagte er, es gebe nur zwei Optionen: „das Zeitalter der künstlichen Intelligenz, in dem Maschinen dem Menschen überlegen sind – oder das Zeitalter, in dem Menschen aufgerüstet werden und ihre Überlegenheit gegenüber Maschinen bewahren“. Dopingverbote seien Bremsen der Entwicklung – „als würde eine Universität sagen: Wir erlauben die Schreibmaschine, aber nicht den Computer“.
Der CEO der Enhanced Games, der erst 29-jährige Max Martin, der im November die Leitung übernahm, lehnt den Begriff Doping ab und nennt die Kritik der traditionellen Verbände eine „Sauerei“. Er vergleicht das Event mit einem Super Bowl oder einem Formel-1-Grand-Prix – als Entertainment-Spektakel. Die Aktien der Enhanced Games werden bereits an der New Yorker Börse gehandelt, haben jedoch seit der Emission über 40 Prozent an Wert verloren.
Einhellige Ablehnung aus der Sportwelt
Seitens der etablierten Sportwelt hagelt es scharfe Verurteilungen. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und das Internationale Olympische Komitee (IOC) nennen die Spiele einen „gefährlichen Clownshow“ und einen „Verrat an allem, wofür wir stehen“. In einer gemeinsamen Stellungnahme 2025 heißt es: „Solche Substanzen können schwerwiegende langfristige gesundheitliche Folgen haben – sogar den Tod – und Athleten zu ihrer Verwendung zu ermutigen, ist absolut unverantwortlich und unmoralisch. Kein sportlicher Erfolg ist es wert, einen solchen Preis zu zahlen.“
Die Nationale Anti-Doping-Agentur Deutschland (NADA) hält die Idee der Enhanced Games für „irreführend und grundlegend falsch“. Vorstandsvorsitzender Lars Mortsiefer spricht von einem „sehr gefährlichen Trugschluss“. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) verweist auf „unkalkulierbare Gesundheitsrisiken für die Teilnehmenden“. Der Deutsche Schwimmverband (DSV) verurteilte das Projekt bereits 2025 „aufs Schärfste“. DSV-Vorstandschef Jan Pommer sagte: „Die ‚Enhanced Games‘ stehen diametral zu allem, wofür der Sport steht.“ Sie würden Fairness, Gesundheit und die Daseinsberechtigung des Sports selbst verhöhnen, „sondern als vermeintlich autonom zu treffende Option zur Selbstoptimierung inszenieren“.
Topschwimmer Josha Salchow, deutscher Rekordhalter über 100 Meter Freistil, bezeichnet die Spiele als „extrem große Gefahr für den aktuellen Sport“. Im WDR-Interview sagte er: „Dadurch verschieben sich die Gründe und Werte, warum man Sport treibt, warum Kinder damit anfangen.“ Der Sinn des Sports bestehe darin, das eigene menschliche Potenzial maximal auszuschöpfen. Den Teilnehmern in Las Vegas gehe es „einzig und allein darum, nochmal mehr Geld aus ihrer Karriere rauszuholen, gleichzeitig setzen sie ihre Gesundheit aufs Spiel.“
ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt hält die Enhanced Games eher für einen „Rohrkrepierer“ als für eine echte Olympia-Alternative. „Es ist eine Veranstaltung, die nur drei Stunden dauert und bei der nur etwa 50 Sportler am Start sein werden. Da zeigt sich, dass das Interesse offensichtlich nicht sehr groß ist, obwohl mit Millionen gelockt wird.“ Sportler, die offen zugeben, dass sie dopen, würden zudem automatisch für den klassischen Sport gesperrt.
Ursprünglich hatten die Organisatoren von 500 Athleten und zahlreichen Disziplinen geträumt, die erste Ausgabe war bereits für Dezember 2024 mit Leichtathletik, Schwimmen, Gewichtheben, Turnen und Kampfsport geplant. Nun ist es ein eintägiges Wettkampfprogramm, das über einen Streamingdienst in hundert Millionen US-Haushalte übertragen wird. Über zweihundert Medienschaffende sind akkreditiert. Ob die Spiele 2026 wie angekündigt fortgesetzt werden, ist offen – D’Souza spricht davon, dass in den kommenden Jahren neue Disziplinen und bekannte Gesichter dazustoßen würden.