FIFA plant Verkauf von Anteilen an WM-Rechten – UEFA und Politik reagieren mit scharfer Kritik
Nyon, 29 Juli 2026
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Kurzfassung
Die FIFA will über eine neue Tochtergesellschaft Anteile an den kommerziellen Rechten ihrer Turniere an private Investoren verkaufen. Die UEFA, mehrere nationale Verbände sowie Politiker aus Großbritannien und den USA kritisieren das Vorhaben scharf und ziehen sogar einen Boykott der Weltmeisterschaft in Betracht.
Nyon, 29 Juli 2026
Die FIFA plant unter Präsident Gianni Infantino, über die neu gegründete Tochtergesellschaft FIFA Forward Enterprises (FFE) bis zu 20 Prozent der Anteile an den kommerziellen Rechten ihrer Turniere an private Investoren zu verkaufen, und löst damit scharfe Kritik der UEFA, mehrerer Verbände sowie Politiker aus Großbritannien und den USA aus.
Hintergrund: Die FIFA-Pläne im Detail
Die Pläne, mit denen sich die FIFA seit Monaten beschäftigt, sehen nach Angaben der britischen Zeitungen The Times, des Daily Telegraph und der Financial Times den Aufbau einer neuen Gesellschaft namens FIFA Forward Enterprises (FFE) vor. Diese soll künftig die kommerziellen Rechte an den Männer- und Frauen-Weltmeisterschaften sowie am Klub-Weltcup bündeln und wirtschaftlich verwerten – einschließlich Übertragungsrechten, Sponsoringverträgen und Ticketing. Die FIFA selbst bezeichnete das Modell als „Demokratisierung des Fussballs weltweit“.
Der Gesamtwert der neuen Einheit wird laut FIFA zunächst auf rund 20 Milliarden US-Dollar beziffert. Rund 20 Prozent der Anteile sollen an sorgfältig ausgewählte private Investoren gehen, die nach FIFA-Angaben aber keine Kontrollrechte erhalten sollen. Die FIFA will demnach Mehrheitseigentümerin bleiben und die Hoheit über den Spielkalender und sämtliche regulatorischen Fragen behalten.
Wer soll investieren? Die Rolle von Thrive Capital und JP Morgan
Daneben sollen ausdrücklich alle 211 Mitgliedsverbände der FIFA kleinere Anteile an der FFE erhalten – darunter auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB), aber ebenso Verbände wie Andorra, Vanuatu oder die Turks- und Caicosinseln. Jeder Verband erhielte demnach den gleichen Betrag; für den laufenden Zyklus bis 2030 sind laut FIFA 20 Millionen US-Dollar pro Verband vorgesehen, in späteren Zyklen sollen die Zahlungen auf 22 und dann 24 Millionen Dollar steigen. Die FIFA erklärte, sie beabsichtige, „auch in den kleinsten und abgelegensten Teilen der Fußballwelt massiv zu investieren - in Regionen, die allzu oft vernachlässigt werden“. Insgesamt rechnet die FIFA mit Einnahmen von 4,2 Milliarden US-Dollar aus dem Konstrukt im laufenden Jahr.
Die Investorengruppe soll nach Angaben eines FIFA-Sprechers von der Investmentfirma Thrive Capital angeführt werden. Hinter Thrive steht der Technologie-Investor Joshua Kushner, der jüngere Bruder von Jared Kushner – dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Die Financial Times berichtet zudem, dass die FIFA die Pläne gemeinsam mit der Investmentbank JP Morgan vorbereitet. Die britische Zeitung The Times hatte zuvor unter Berufung auf mehrere mit den Gesprächen vertraute Quellen berichtet, dass auch Personen aus dem Umfeld der Trump-Regierung an den Plänen beteiligt seien.
Reaktionen aus Europa: UEFA und Gravina schlagen Alarm
Die Reaktion aus der europäischen Fußballfamilie folgte prompt. Die UEFA wies das Vorhaben unmittelbar nach Bekanntwerden zurück. In einer Erklärung hieß es: „Die Seele und die Führung des Fußballs sind keine Handelsware - erst recht nicht bei völliger Intransparenz darüber, wer finanziell davon profitiert. Niemand von uns ist Eigentümer des Fußballs. Er steht der FIFA nicht zum Verkauf.“ Die UEFA erklärte weiter, dass „damit eine Grenze überschritten werde, die die führenden Institutionen des Fußballs niemals überschreiten dürfen“, und rief nationale Verbände, Ligen, Klubs, Spieler, Fans und Regierungen auf, die Angelegenheit ernst zu nehmen.
Der italienische UEFA-Vizepräsident Gabriele Gravina, früherer Präsident des italienischen Fußballverbandes, bezeichnete die Pläne im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Ansa mit den Worten: „Wir gehen zu weit.“ Gravina warnte, dass die über Jahre aufgebaute Balance zwischen Fußball als Spektakel und Fußball als Volksleidenschaft durch eine gewinnorientierte Vision hinweggefegt werden könnte, und forderte: „Alle Konföderationen müssen entsprechend handeln.“
Politische Kritik aus Großbritannien und den USA
Auch auf politischer Ebene formiert sich Widerstand. Der britische Premierminister Andy Burnham äußerte sich in einem Video auf der Plattform Instagram und erklärte: „Der Fussball gehört nicht den Investoren. Er gehört den Menschen, die die Tribünen füllen, die an den Seitenlinien stehen, Woche für Woche, bei Regen und bei Sonne.“ Burnham fügte hinzu: „Die WM ist kein Produkt, sie ist der großartigste Wettbewerb auf der Welt. Sie hat niemals jemandem gehört, damit man sie verkaufen kann. Der Fußball hat immer den Anhängern gehört, und er wird es auch immer.“ Mit Blick auf Investoren schrieb er zudem: „Sobald man einen Teil davon verkauft hat, hat man sich verkauft.“
In den USA forderte der Demokrat Jamie Raskin, ranghöchster Demokrat im Justizausschuss des Repräsentantenhauses, eine Klärung der Verflechtungen zwischen Infantino und der Trump-Regierung und erwog, den FIFA-Präsidenten vor den Ausschuss zu zitieren. Raskin kritisierte, die Verbindung zwischen FIFA und der Familie Trump stelle eine zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs zulasten der Fans dar.
Scharfe Kritik kam darüber hinaus aus den eigenen Reihen der FIFA. Der frühere FIFA-Präsident Joseph Blatter, ein 90-jähriger Schweizer, wandte sich auf der Plattform X gegen die Pläne und griff dabei auch seinen Nachfolger persönlich an. Blatter schrieb: „Die enge Beziehung zwischen dem FIFA-Präsidenten und dem US-Präsidenten hat eine finanzielle Dimension angenommen, die dem Fußball erheblichen Schaden zufügt. Niemand hat das Recht, unseren Sport zu verkaufen.“ Er ergänzte später auf X: „Niemand hat das Recht, unser Spiel zu verkaufen“ und sprach von einer „finanzielle Dimension erreicht, die dem Fussball tief schadet“.
Die britische Zeitung Times zitierte einen ungenannten hochrangigen Funktionär mit drastischen Worten: Der Plan sei „potenziell deutlich schlimmer als die europäische Super League“ und eine „Atombombe“ für den Fußball. Der englische Fußballverband FA erklärte gegenüber der BBC, er habe vor der Veröffentlichung der Pläne keinerlei Vorkenntnisse gehabt.
Nach Informationen von Sky, ESPN und Bloomberg wird bei der UEFA inzwischen auch ein möglicher Boykott der Weltmeisterschaft diskutiert. Die UEFA plant nach eigenen Angaben noch in dieser Woche eine Dringlichkeitssitzung, um über ihre Antwort auf die Investorenpläne zu beraten. FIFA-Präsident Infantino, dessen Amtszeit voraussichtlich bis 2031 läuft und der im kommenden Jahr zur Wiederwahl steht – ohne aussichtsreichen Gegenkandidaten –, wies die Kritik bislang zurück. Berichten zufolge könnte er nach dem Ende seiner Amtszeit selbst an die Spitze der neuen Gesellschaft treten.
Deutsche Reaktionen und historische Parallelen
Auch der deutschsprachige Fußball reagierte auf die Nachricht. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) äußerte sich zunächst nicht inhaltlich, verwies aber auf laufende Beratungen. Hintergrund ist, dass die Deutsche Fußball Liga (DFL) mit ähnlichen Investoreneinstieg-Plänen in der Bundesliga vor einigen Jahren am Widerstand der Fans gescheitert war. Deutschlandfunk widmet dem Aufstieg und der Machtkonsolidierung Infantinos derzeit eine sechsteilige Podcast-Reihe.
Befürworter sehen in dem Modell eine Chance auf zusätzliche Milliardeneinnahmen für den Weltverband. Der Fußball-Finanzexperte Kieran Maguire sagte der BBC, die FFE müsse „Geld verdienen, um die Aktionäre zufriedenzustellen“, und es gebe „eine große Zahl an Interessenten im Fußball, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen“. Maguire warnte zugleich, mit einer solchen Struktur würde womöglich Druck entstehen, die Weltmeisterschaft auf 64 Teilnehmer zu erweitern und künftig alle zwei Jahre auszutragen – ein Szenario, das in der Fußballöffentlichkeit seit Jahren heftig umstritten ist.
Kritiker verweisen auf strukturelle Risiken. So sind einige kleinere Mitgliedsverbände mit wenigen tausend aktiven Fußballerinnen und Fußballern vollständig auf FIFA-Gelder angewiesen. Die britische Nichtregierungsorganisation FairSquare hatte die FIFA-Struktur wiederholt kritisiert, weil die FIFA-Führung ihre eigene Wählerschaft – die Verbände – mit Geld ausstattet und damit ihre Wiederwahl sichert. Mit Blick auf den geplanten Investorendeal verschärft sich diese Diskussion nun. Infantino war erst 2018 mit einem milliardenschweren Deal mit saudischen Investoren über einen Klub-Weltcup und eine globale Nations League am FIFA-Council gescheitert. Das US-Justizministerium war während des FIFA-Korruptionsskandals 2015 einer der schärfsten Kritiker des Verbandes.
Die FIFA betonte in einer abendlichen Stellungnahme, dass sie die Mehrheit an dem neuen Unternehmen behalte und weiterhin die Kontrolle über den Spielkalender und die Regeln des Spiels habe. Gleichzeitig verwies der Verband darauf, dass die Ausschüttungen an die 211 Mitgliedsverbände – darunter der DFB – sich durch das neue Modell mehr als verdoppeln würden. Ob die Pläne so umgesetzt werden, hängt nun von der Zustimmung der zuständigen FIFA-Gremien ab und vom Ausgang der laufenden politischen und verbandsinternen Debatte.
Fragen & Antworten
Was genau plant die FIFA mit FIFA Forward Enterprises (FFE)?
Die FIFA will über die neu gegründete Tochtergesellschaft FFE die kommerziellen Rechte an Männern- und Frauen-Weltmeisterschaft sowie am Klub-Weltcup bündeln und rund 20 Prozent der Anteile an private Investoren verkaufen. Die FIFA soll dabei Mehrheitseigentümerin bleiben und die Kontrolle über den Spielkalender behalten.
Warum kritisieren UEFA, Verbände und Politiker die Pläne?
Kritiker wie die UEFA, der italienische UEFA-Vizepräsident Gabriele Gravina, der britische Premierminister Andy Burnham und der frühere FIFA-Präsident Joseph Blatter sehen durch den Verkauf von WM-Anteilen eine unumkehrbare Kommerzialisierung des Fußballs, mangelnde Transparenz über die finanziellen Profiteure und eine Schwächung der Stellung der Fans.
Welche möglichen Folgen hat der Investoreneinstieg für die WM?
Nach Darstellung des Finanzexperten Kieran Maguire und von Berichten der Times könnte der Investoreneinstieg den Druck erhöhen, die WM auf 64 Teilnehmer zu erweitern und häufiger auszutragen. Zudem wird laut Sky, ESPN und Bloomberg bei der UEFA ein möglicher Boykott der Weltmeisterschaft diskutiert.
FIFA Investorendeal: UEFA kritisiert WM-Verkauf | sportnachrichten