Frankfurt, 01 Juli 2026

FIFA-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina hat die Entscheidung des Videoassistenten verteidigt, ein von Jonathan Tah erzieltes Tor im WM-Achtelfinale zwischen Deutschland und Paraguay wegen eines Foulspiels zurückzunehmen.

In einer Veröffentlichung der FIFA erläuterte Collina, warum der Videoschiedsrichter nach einer Ecke eingriff und den Treffer annullierte. Demnach hatte Deutschlands Abwehrspieler Waldemar Anton den paraguayischen Torhüter Orlando Gill vor der Hereingabe behindert. Schiedsrichter Jalal Jayed aus Marokko entschied nach einer Meldung an den Videoassistenten und einer Überprüfung der Szene auf Foulspiel.

Collina verwies auf die allgemeine Regelauslegung: „Zwar stelle das bloße Einnehmen oder Halten einer Position für sich genommen kein Foul dar. Dies gilt insbesondere dann, wenn diese Taktik darauf abzielt, den gegnerischen Torhüter daran zu hindern, das Tor wirksam zu verteidigen.“ Bewegt sich ein angreifender Spieler jedoch mit klarer Absicht, einen Gegenspieler am Verteidigen zu hindern, müsse der Schiedsrichter und gegebenenfalls der VAR eingreifen, so der FIFA-Schiedsrichterchef weiter: „Wenn ein angreifender Spieler jedoch kein Interesse am Ball hat und sich – selbst nur geringfügig – bewusst mit der klaren Absicht bewegt, die Laufbewegung eines Gegenspielers zu behindern und ihn so am Verteidigen zu hindern, sollten die Schiedsrichter und – falls erforderlich – auch der VAR die Situation sorgfältig analysieren und eingreifen.“

Die Regelauslegung Collinas

Collina, der aus Italien stammt, schrieb seine Erläuterungen in einer FIFA-Publikation, die sich allgemein mit Szenen wie der im Spiel Deutschland gegen Paraguay befasst. Er nannte Anton nicht namentlich, veröffentlichte aber ein großes Foto, das den Körperkontakt zwischen Anton und Gill zeigt. „Trainer und Spieler wurden darüber informiert. Daher sollte es keine Überraschung sein, wenn Schiedsrichter solche Vergehen ahnden“, schrieb Collina. Schiedsrichter seien angewiesen worden, „ein Beispiel hierfür ist, wenn angreifende Spieler versuchen, verteidigende Spieler an ihrer Bewegung zu hindern“, besonders zu beachten.

Die Szene ereignete sich in der Verlängerung des Achtelfinalspiels. Jonathan Tah hatte den Ball nach einer Ecke per Kopf in das Tor befördert und Deutschland scheinbar mit 2:1 in Führung gebracht. Nach dem Eingriff des Videoschiedsrichters wurde der Treffer zurückgenommen. Die Partie endete letztlich mit einer Niederlage der deutschen Mannschaft im Elfmeterschießen, womit das WM-Aus besiegelt war.

Reaktionen aus Deutschland und England

Die Entscheidung war in Deutschland auf erhebliche Kritik gestoßen. Der frühere englische Schiedsrichter Mark Clattenburg sagte im US-Sender Fox Sports: „Das ist ein klares Foul für mich“. Damit stützte er die Sichtweise des VAR, wenn auch aus einer anderen Perspektive als die deutsche Diskussion.

Der MagentaTV-Experte Patrick Ittrich äußerte sich zurückhaltender: „Für mich ist das keine klare Fehlentscheidung vom Schiedsrichter“. Damit positionierte sich der deutsche Schiedsrichter-Experte zwischen der scharfen Kritik aus Deutschland und der Erläuterung Collinas und verwies auf die subjektive Komponente solcher Szenen.

Hintergrund der FIFA-Kommunikation

Collina betonte in seiner Erläuterung den präventiven Charakter der Kommunikation. Spieler und Trainer seien vorab über die Auslegung informiert worden, so dass ein Eingreifen der Unparteiischen keine Überraschung sein dürfe. Die FIFA hatte in den vergangenen Jahren wiederholt darauf hingewiesen, dass körperliche Aktionen gegen Torhüter bei Standardsituationen konsequenter geahndet werden sollen.

Das WM-Achtelfinale zwischen Deutschland und Paraguay endete nach Verlängerung mit einem Elfmeterschießen, das die deutsche Mannschaft verlor. Damit schied der DFB bereits in der Runde der letzten 16 aus dem Turnier aus. Die Diskussion über die strittige Szene begleitete die Aufarbeitung des Turniers in den folgenden Tagen.

Collinas Stellungnahme ist Teil einer breiteren FIFA-Initiative, Schiedsrichterentscheidungen im Nachhinein transparenter zu kommunizieren. Die Veröffentlichung enthält allgemeine Erläuterungen zu taktischen Ansätzen einzelner Mannschaften, bei denen Angreifer gezielt Verteidiger behindern, und stellt klar, dass der VAR in solchen Fällen eine aktive Rolle übernehmen soll.