Nach dem 2:3 im WM-Achtelfinale gegen Argentinien hat der ägyptische Fußballverband offiziell Beschwerde gegen den französischen Schiedsrichter François Letexier und sein Team eingereicht. Verbandspräsident Hany Abo Rida fordert eine Untersuchung sowie den Ausschluss des gesamten Gespanns vom Turnier.
Nach dem 2:3 (1:0) im WM-Achtelfinale gegen Argentinien hat die ägyptische Fußball-Föderation am 8. Juli 2026 offiziell Beschwerde bei der FIFA gegen den französischen Schiedsrichter François Letexier und seine Assistenten eingelegt und deren Ausschluss vom Turnier gefordert.
Die ägyptische Auswahl hatte am 8. Juli 2026 im Achtelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada gegen Titelverteidiger Argentinien 2:3 (1:0) verloren, obwohl sie bis in die Schlussphase der regulären Spielzeit mit 2:0 in Führung gelegen hatte. Tore von Yasser Ibrahim in der 15. und Mostafa Ziko in der 67. Minute schienen die Sensation perfekt zu machen, ehe Cristian Romero (79.), Lionel Messi (83.) und Enzo Fernández (90.+2) das Spiel komplett drehten.
Verbandspräsident Hany Abo Rida kündigte die Beschwerde noch in der Nacht im Teamhotel vor Journalisten an. Er warf dem Schiedsrichter-Gespann „schwerwiegende Fehler“ und die Anwendung von Doppelstandards vor. In einem Schreiben an die FIFA forderte der Verband eine Untersuchung der strittigen Szenen sowie den sofortigen Ausschluss von Letexier und seinen Assistenten aus dem Turnier.
Verbandspräsident erhebt schwere Vorwürfe
Im Zentrum der Kritik steht eine Szene kurz vor dem argentinischen Siegtor: In der Nachspielzeit der zweiten Halbzeit zog Alexis Mac Allister im eigenen Strafraum am Trikot des in den Sechzehner laufenden Hamdi Fathy, sodass dieser den Ball nicht mehr erreichen konnte. Referee Letexier ließ weiterspielen, der Video-Assistent griff nicht ein. Mehrere deutsche Schiedsrichter-Experten werteten die Szene im Nachhinein als klares Vergehen.
Der frühere Bundesliga-Referee Patrick Ittrich, inzwischen als TV-Experte für MagentaTV tätig, sagte: „Man sieht, wie am Trikot gezogen wird. Der Impuls ist da, um den Spieler daran zu hindern, eventuell an den zweiten Ball zu kommen. Für mich ist das ein Strafstoß.“ Auch sein Kollege Lutz Wagner, Leiter der Schiedsrichter-Ausbildung beim DFB, sprach von einem „sehr uncleveren Verhalten des Argentiniers“ und betonte, Argentinien habe „sehr viel Glück gehabt“.
Streit um die Schlüsselszene mit Fathy
Bereits in der 58. Minute war ein Treffer von Mostafa Ziko nach einem VAR-Studium annulliert worden. Schiedsrichter Letexier wertete ein vorausgegangenes Foul von Marwan Attia an Lisandro Martínez nahe dem ägyptischen Strafraum als regelwidrig. ORF-Experte Thomas Steiner sah in der Liveübertragung ebenfalls ein Foul. Ägypten hatte zudem ein vermeintliches Foul von Julián Álvarez an Mohamed Salah im Strafraum moniert, das ebenfalls ungeahndet blieb.
Bundestrainer Hossam Hassan, 59, legte nach dem Schlusspfiff mit deutlichen Worten nach: „Wir wurden heute ungerecht behandelt.“ An anderer Stelle sagte er: „Das war ein manipuliertes Spiel und die ganze Welt hat es gesehen.“ Außerdem erklärte der Coach, Ägypten habe den Franzosen Letexier vorab als Schiedsrichter abgelehnt, was die FIFA jedoch nicht berücksichtigt habe.
Hassan äußerte zudem Spekulationen über die Gründe der Entscheidungen. Er sagte: „Vielleicht wollte man den Weltmeister im Wettbewerb behalten. Vielleicht wollte man, dass Messi weiter im Rennen bleibt.“ Darüber hinaus kritisierte er den Anstoß um 12 Uhr mittags als unzumutbar: „Wer ein Spiel für 12 Uhr ansetzt, hat nie selbst Fußball gespielt.“ Für die verbleibenden Turnierspiele kündigte er einen persönlichen Boykott an: „Sobald ich zurück bin, werde ich die Spiele dieser FIFA-Weltmeisterschaft nicht mehr verfolgen.“
Hossam Hassan spricht von Manipulation
Auch die ägyptischen Spieler schlugen scharfe Töne an. Mostafa Ziko, dessen Treffer in der 58. Minute zurückgenommen worden war, sagte: „Der Schiedsrichter war unfair und hat die Mühen einer ganzen Nation zunichtegemacht. Der Pokal wird Argentinien geschenkt.“ Verbandspräsident Abo Rida bekräftigte, der Verband bestehe auf einer Untersuchung der Vorfälle.
Die Kontroverse um das Spiel Ägypten gegen Argentinien steht beispielhaft für eine breitere Debatte über die Schiedsrichter-Leistungen bei dieser Weltmeisterschaft. Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel hatte nach dem Achtelfinale gegen Mexiko gesagt: „Die Schiedsrichter sind schlicht nicht gut genug. Die vierten Offiziellen sind nicht gut genug. Das ist das Fazit.“ Sein Kapitän Jarrell Quansah hatte in dieser Partie nach einem VAR-Eingriff die Rote Karte gesehen, obwohl der Schiedsrichter auf dem Platz noch nicht einmal auf Foul entschieden hatte.
Schiedsrichter-Debatte über das gesamte Turnier
Auch Ghanas Trainer Carlos Queiroz kritisierte nach dem 0:0 gegen England in der Gruppenphase den ausbleibenden Eingriff des Videoschiedsrichters nach einem Foul von Ezri Konsa: „Wieder einmal hat der VAR einen Kaffee getrunken. Es war ein klarer Elfmeter, Rote Karte.“ Die Ghanaischen Spieler fühlten sich benachteiligt und forderten einen Strafstoß.
Im Achtelfinalspiel zwischen Frankreich und Paraguay war der usbekische Schiedsrichter Ilgiz Tantashev in die Kritik geraten, weil er die überharte Spielweise der Südamerikaner nicht mit Gelben Karten ahndete. Patrick Ittrich wertete die Leistung als „die schlechteste bei dieser WM“. Auch Tritte und das Zertrampeln des Elfmeterpunkts blieben ohne Konsequenzen.
FIFA-Chefschiedsrichter Pierluigi Collina hatte im Vorfeld des Turniers die Linie ausgegeben, den Spielfluss nicht durch zu viele Unterbrechungen zu stören. Diese Philosophie, dass „die Spieler und nicht die Schiedsrichter die Spiele entscheiden sollen“, wurde intern an Trainer und Spieler kommuniziert. Der frühere Bundesliga-Referee Thorsten Kinhöfer sagte im ZDF: „Wenn man bei so einem großen Turnier als Schiedsrichter nominiert wird, dann macht man natürlich das, was der Chef sagt. Was Collina sagt, ist dann Gesetz.“
Ittrich kritisierte zugleich die nachträgliche Kommunikation der Linie durch Collina: „Das wirkt wie eine erfundene Erklärung. Wenn es so ist, dass Collina genau das gesagt hat, dann ist es nachvollziehbar. Aber so was im Nachhinein zu kommunizieren, ist schwierig nachzuvollziehen.“ Während des Turniers dürfen Schiedsrichter keine öffentlichen Stellungnahmen abgeben; Erklärungen sind allein Collina vorbehalten.
Auch in anderen Partien sorgten nicht gegebene Strafstöße für Diskussionen. Im Duell Frankreich gegen Senegal blieb ein mögliches Foul an Kylian Mbappé durch Sadio Mané ohne Folgen, obwohl Schiedsrichter Alireza Faghani die Szene am Bildschirm überprüft hatte. In der Gruppenpartie Argentinien gegen Algerien war Lionel Messi mit offener Sohle von hinten auf die Wade von Aissa Mandi getreten, ohne dass der Videoschiedsrichter eingriff; Argentinien gewann das Spiel. Auch ein mögliches Foul an Xaver Schlager vor dem argentinischen Führungstreffer gegen Österreich wurde weder gepfiffen noch vom VAR geahndet, was Österreichs Teamchef Ralf Rangnick ärgerte.
Kritik an der FIFA-Linie und der Belastung
Der ägyptische Verband verwies in seiner Beschwerde zudem auf eine aus seiner Sicht ungleiche Behandlung gegenüber europäischen Mannschaften. Im Spiel Deutschland gegen Paraguay war ein Treffer von Jonathan Tah nicht anerkannt worden, weil zuvor ein Foul am paraguayischen Torwart vorgelegen haben soll. Deutsche Schiedsrichter-Experten sahen den Treffer dagegen als regulär an; die FIFA hält an der Entscheidung fest.
Hintergrund der Unzufriedenheit ist auch die WM-Reform mit 48 Mannschaften, 12 Vorrundengruppen und einer Vielzahl von Spielen über 38 Tage hinweg. Die Belastung für Spieler und Unparteiische ist enorm, die Kritik an Entscheidungen reicht von Ghana über England bis Argentinien. Ägypten, siebenfacher Afrika-Cup-Gewinner, war im Achtelfinale der vergangenen WM überraschend gegen Australien im Elfmeterschießen ausgeschieden und hatte sich diesmal gegen Argentinien deutlich besser präsentiert.
Die FIFA hat sich bislang nicht offiziell zu der ägyptischen Beschwerde geäußert. Verbandspräsident Infantino hatte zuletzt betont, dass die Disziplinarentscheidungen unabhängig getroffen würden, etwa im umstrittenen Fall des US-Stürmers Folarin Balogun, dessen Rote Karte nach einem Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und Infantino in eine Bewährungsstrafe umgewandelt worden war. Auch dieses Vorgehen hatte international für Aufsehen gesorgt.
In Buenos Aires feierten mehrere tausend Anhänger den argentinischen Sieg bis in den Abend hinein am Obelisco. In San Miguel de Tucumán kam es zwischen Feiernden und der Polizei zu Zusammenstößen; Sicherheitskräfte setzten Gummigeschosse ein, um die Menge zu zerstreuen. In der Schweiz bereitete sich die Mannschaft von Murat Yakin auf das Viertelfinale gegen Argentinien vor.
Ausblick und Reaktionen aus Argentinien
Während die WM in die K.o.-Runde geht, steht die Debatte über die Rolle der Unparteiischen im Mittelpunkt. Hossam Hassan brachte sie auf eine grundsätzliche Ebene: „Das Leben ist unfair, die Welt ist unfair, aber warum gibt es keine Fairness im Fußball, im Sport? Wir sind ungerecht behandelt worden.“
Fragen & Antworten
Welche Beschwerde hat der ägyptische Fußballverband eingereicht?
Der ägyptische Fußballverband hat am 8. Juli 2026 offiziell Beschwerde bei der FIFA gegen den französischen Schiedsrichter François Letexier und sein Assistenten-Team eingereicht und deren Ausschluss vom Turnier gefordert. Verbandspräsident Hany Abo Rida sprach von schwerwiegenden Fehlern und Doppelstandards.
Welche Szenen stehen im Mittelpunkt der Kritik?
Im Zentrum steht ein Trikotziehen von Alexis Mac Allister an Hamdi Fathy im argentinischen Strafraum kurz vor dem Siegtor, das Schiedsrichter Letexier und der VAR nicht ahndeten. Zudem wurde ein Treffer von Mostafa Ziko in der 58. Minute nach VAR-Studium wegen eines vermeintlichen Fouls annulliert.
Wie hat Bundestrainer Hossam Hassan auf die Niederlage reagiert?
Hossam Hassan sprach von einer ungerechten Behandlung und nannte das Spiel „manipuliert“. Er kündigte zudem einen Boykott der restlichen WM-Spiele an und kritisierte die Anstoßzeit um 12 Uhr mittags.