Schiriexperte Wagner kritisiert zurückgenommenes Tor von Tah als Fehlentscheidung
Frankfurt am Main, 30. Juni 2026
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Kurzfassung
Im Achtelfinale der Fußball-WM 2026 zwischen Deutschland und Paraguay wurde ein Kopfballtor von Jonathan Tah in der 102. Minute nach VAR-Eingriff zurückgenommen. Der Schiriexperte Lutz Wagner sieht darin eine klare Fehlentscheidung und stützt damit die Kritik von Bundestrainer Julian Nagelsmann.
Der Schiriexperte Lutz Wagner hat die Rücknahme des Kopfballtores von Jonathan Tah im WM-Achtelfinale zwischen Deutschland und Paraguay durch den Schiedsrichter Jalal Jayed aus Marokko als Fehlentscheidung kritisiert.
Hintergrund: Der VAR-Eingriff in der 102. Minute
Deutschland ist bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 im Achtelfinale gescheitert. Die Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann unterlag Paraguay nach 120 Minuten und anschließendem Elfmeterschießen, wobei eine strittige Schiedsrichterentscheidung die Partie prägte. In der 102. Minute hatte Jonathan Tah nach einer Ecke von Nathaniel Brown per Kopfball zur zwischenzeitlichen 2:1-Führung getroffen, doch der Treffer wurde nach einem Eingriff des Videoassistenten zurückgenommen.
Schiedsrichter Jalal Jayed aus Marokko wurde von der Videoassistentin Tatiana Guzman aus Nicaragua an den Bildschirm gerufen, nachdem diese ein vermeintliches Foulspiel von Waldemar Anton gegen Paraguays Torhüter Orlando Gill erkannt haben wollte. Nach Sichtung der Bilder entschied Jayed auf Foul und annullierte den Treffer. Jayed ist seit 2019 FIFA-Schiedsrichter und seit 2015 in der marokkanischen Profiliga aktiv. Zudem leitete er unter anderem Spiele beim Afrika-Cup und pfiff die Partie zwischen Portugal und Usbekistan (5:0). Im laufenden Turnier war es sein zweiter Einsatz mit deutscher Beteiligung, nachdem er bereits den 7:1-Erfolg gegen Curaçao geleitet hatte.
In der Sportschau hat der Schiriexperte Lutz Wagner die Entscheidung deutlich kritisiert. Seiner Einschätzung nach war der Kontakt zwischen Anton und Gill keineswegs foulwürdig. „Für mich wäre Weiterspielen die richtige Entscheidung gewesen. Ein klares Vergehen sehe ich nicht“, sagte Wagner. Auch die Armhaltung von Gustavo Gómez in der 98. Minute, als ein Schuss von Nick Woltemade blockiert wurde, bewertete Wagner nicht als strafbares Handspiel: „Das war kein strafbares Handspiel. Er vergrößert nicht die Abwehrfläche, er hatte den Arm vor dem Körper. Wenn er sie vom Körper abgespreizt hätte, könnte man diskutieren.“
Wagners Bewertung der Schlüsselszenen
Wagner verwies zudem auf die Rolle des Torhüters. „Der Torwart hat im Fünfmeterraum keine Sonderrechte, er hat am Spiel teilnehmen können“, sagte der Experte. Zum Verhältnis der beiden Kontrahenten vor dem zurückgenommenen Tor ergänzte Wagner: „Für mich orientieren sich beide zum Ball.“ Außerdem habe sich eher Gill in Richtung Anton bewegt als umgekehrt: „Eher macht der Torwart Orlando Gill eine Bewegung zu Waldemar Anton.“ Damit stellt Wagner die Argumentation des VAR-Teams, Anton habe den Torhüter behindert, grundlegend in Frage.
Auch der frühere englische Schiedsrichter Mark Clattenburg, der für den US-Sender Fox Sports arbeitet, sah in der Szene ein klares Foulspiel – allerdings auf Seiten Paraguays. „Das ist ein klares Foul für mich“, sagte Clattenburg mit Blick auf die Aktion, ohne sich explizit auf den zurückgenommenen Treffer zu beziehen. Damit positionierte sich der Brite gegen die Wahrnehmung der deutschen Experten.
Reaktionen aus dem deutschen Lager
Bundestrainer Julian Nagelsmann hatte die Entscheidung im ZDF scharf attackiert. „Das ist nicht mal ansatzweise ein Foulspiel“, sagte Nagelsmann im Interview mit dem ZDF. Gegenüber MagentaTV hatte er die Entscheidung zuvor als „Witz“ bezeichnet und nach dem Spiel nochmals zugespitzt: „Das ist nicht nur ein Skandal, das ist ein Vollskandal“. Einen Rücktritt schloss Nagelsmann aus: „keiner, der wegläuft“ sei er.
Auch Ex-Weltmeister Christoph Kramer mahnte zur Selbstkritik. „Du darfst gegen Paraguay nicht in die Verlängerung kommen“, sagte der frühere Mittelfeldspieler, der 2014 zum deutschen Kader gehört hatte. Mit Blick auf die öffentliche Debatte ergänzte er: „Dazu darf es niemals kommen.“ Jonathan Tah selbst zeigte sich nach dem Spiel ebenfalls betroffen, wollte die Debatte aber nicht überdimensionieren: „Alle sind am Boden zerstört. Für mich war das auf jeden Fall kein Foul. Wir müssen uns an die eigene Nase packen.“
Kinhöfer kritisiert Schiedsrichter und VAR
Der ZDF-Experte und Ex-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer legte ebenfalls nach und bezeichnete die Entscheidung als nicht nachvollziehbar. „Die Entscheidung ist absolut nicht nachvollziehbar. Das ist nie und nimmer ein Foul, überhaupt nicht. Das ist handelsüblich“, sagte Kinhöfer. Den Kontakt zwischen Anton und Gill wertete er als normal: „Das ist ein normaler Kontakt, das ist nie und nimmer ein Foul. Mir fehlen die Worte.“ Der Torhüter habe sich zudem sofort wieder erhoben: „der Torwart steht sofort wieder auf“. Kinhöfer kritisierte zudem das Verhalten des Unparteiischen am Bildschirm: „Und der zweite Fehler ist, dass der Schiedsrichter auf gut Deutsch gesagt nicht so viel ‹Cojones› hatte, sich über diese Entscheidung hinwegzusetzen und zu sagen: Nein, das ist kein Foul, das ist für mich ein glasklares Tor.“ Inhaltlich stellte er klar: „Anton habe weder gehalten noch gerempelt, und der Torhüter geniesse im Fünfmeterraum «keinen besonderen Schutz, deswegen ist das eine klare Fehlentscheidung»“.
Als MagentaTV-Experte äußerte sich auch Jürgen Klopp. Er nannte die Entscheidung „brutal“: „Dementsprechend ist das natürlich brutal. Es entscheiden Kleinigkeiten – und das ist eine grosse Kleinigkeit, die entscheidet. Denn wir gewinnen das Spiel, wenn der Ball drin ist.“ Mit einem Blick auf den englischen Fußball ergänzte er sarkastisch: „Fakt ist, wenn dieses Tor irregulär ist, dann wird Arsenal nicht englischer Meister. Ich glaube, die haben 60 Prozent ihrer Tore so geschossen.“
Ittrich, Amhof und Klopp mit unterschiedlichen Einschätzungen
Beim ebenfalls als MagentaTV-Experten eingesetzten Schiedsrichter Patrick Ittrich fand die deutsche Kritik hingegen nur teilweise Zustimmung. Zwar befand auch er: „Ich sehe kein Wegdrücken, kein Wegstoßen“, und wertete den Eingriff als „zu kleinlich“. Eine eindeutige Fehlentscheidung wollte er aber nicht aussprechen: „Für mich ist das keine klare Fehlentscheidung vom Schiedsrichter“. Der SRF-Schiriexperte Sascha Amhof wiederum erkannte bei Anton kein Vergehen: „Der Deutsche steht einfach da. Beide rangeln um den Platz, das ist völlig okay.“
Per Mertesacker, ebenfalls Weltmeister von 2014, richtete den Blick auf die sportliche Leistung der Mannschaft. „Wir haben gegen die schwächste Mannschaft aus der Vorrunde gespielt und haben es nicht geschafft, mehr als zwei Chancen in 120 Minuten zu bekommen“, sagte der Ex-Nationalspieler. Mit Blick auf frühere Erwartungen ergänzte er: „Vor zwei Jahren wurde geflachst, wir müssen nur zwei Jahre warten, bis wir Weltmeister werden. Die Aussage können wir total vergessen.“ Paraguay hatte die Gruppenphase mit einem 1:4 gegen die USA, einem 1:0 gegen die Türkei und einem 0:0 gegen Australien beendet.
Ausblick und Folgen für das DFB-Team
Das Aus bedeutet das früheste Turnierende einer deutschen Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft seit langem. Nach dem Spiel wird die Diskussion über den Einsatz des Videoassistenten weitergehen, zumal die Szene in der ersten Hälfte der Verlängerung die entscheidende Wendung brachte. Im Anschluss an die Begegnung steht Paraguay im Viertelfinale und trifft dort auf den Sieger der Partie zwischen Frankreich und Schweden.
Fest steht: Für die deutsche Mannschaft endete das Turnier in der Nähe von Boston mit einer Niederlage im Elfmeterschießen nach 120 Minuten, in denen sie gegen den Gruppendritten Paraguay trotz langer Überlegenheit nicht über zwei Großchancen hinausgekommen war. Der zurückgenommene Treffer von Tah bleibt damit der zentrale Streitpunkt einer Partie, die sportlich ohnehin Fragen aufgeworfen hätte.
Der Text beruht auf einer Meldung der dpa-Nachrichtenagentur, verfasst von Ralf Lorenzen.
Fragen & Antworten
Warum wurde das Tor von Jonathan Tah im WM-Spiel Deutschland gegen Paraguay zurückgenommen?
Schiedsrichter Jalal Jayed aus Marokko nahm den Treffer nach einem Hinweis der Videoassistentin Tatiana Guzman aus Nicaragua zurück, weil er ein Foulspiel von Waldemar Anton gegen Paraguays Torhüter Orlando Gill erkannt haben wollte.
Was sagt Schiriexperte Lutz Wagner zu der Entscheidung?
Lutz Wagner sieht in der Rücknahme eine Fehlentscheidung. Seiner Einschätzung nach war der Kontakt normal, der Torhüter habe sich in Richtung Anton bewegt, und es habe kein klares Vergehen vorgelegen.
Wie hat Bundestrainer Julian Nagelsmann auf die Szene reagiert?
Nagelsmann nannte die Entscheidung gegenüber dem ZDF „nicht mal ansatzweise ein Foulspiel“ und sprach anschließend von einem „Vollskandal“, schloss aber einen Rücktritt als Bundestrainer aus.