Le Bourg d'Oisans, 24. Juli 2026
Der slowenische Radprofi Tadej Pogacar hat am Freitag die 19. Etappe der 113. Tour de France auf der Alpe d'Huez gewonnen und steht damit unmittelbar vor seinem fünften Gesamtsieg bei der Frankreich-Rundfahrt.
Der entscheidende Angriff
Die Entscheidung fiel auf den letzten 13,8 Kilometern der Königsetappe, die mit einer durchschnittlichen Steigung von 8,1 Prozent und 21 Kehren zu den mythischen Anstiegen des Radsports zählt. Mehr als eine halbe Million Zuschauerinnen und Zuschauer säumten die berühmte Steigung und sorgten für eine frenetische Atmosphäre, als Pogacar rund 900 Meter vor dem Ziel die entscheidende Attacke setzte und sich von seinen letzten Begleitern im Feld löste. Mit dem Etappensieg feierte der 27-Jährige seinen insgesamt fünften Tagessieg bei dieser Tour und zugleich seinen ersten Triumph überhaupt auf der Alpe d'Huez, wo er tags zuvor bereits Marco Pantanis Geschwindigkeitsrekord aus dem Jahr 1995 gebrochen hatte.
Hinter Pogacar erreichte der Franzose Lenny Martinez mit sechs Sekunden Rückstand den zweiten Platz, gefolgt vom Ecuadorianer Richard Carapaz, der neun Sekunden nach dem Sieger die Ziellinie überquerte. Carapaz hatte zuvor am Gipfel des Col du Galibier, dem mit 2.642 Metern höchsten Punkt dieser Tour, wichtige Punkte in der Bergwertung gesammelt. Der US-Amerikaner Sepp Kuss, der zwischenzeitlich sogar die Führung im Feld übernommen hatte, wurde nach zwei Stürzen auf einer Abfahrt und einer weiteren Passage Vierter mit 1:14 Minuten Rückstand; Tobias Johannessen aus Norwegen belegte Rang fünf, der Belgier Remco Evenepoel kam mit 2:29 Minuten Rückstand auf Platz sechs ins Ziel.
Klassement: Vorsprung ausgebaut
Im Gesamtklassement baute Pogacar seinen Vorsprung auf den zweitplatzierten Evenepoel auf 7:11 Minuten aus. Der Belgier, der für das deutsche Red Bull-Bora-hansgrohe-Team fährt und als doppelter Olympiasieger gilt, hatte auf der Schlusssteigung zwar noch einen Angriff im Kampf um Platz zwei gestartet und einige Sekunden auf seine Rivalen gewonnen, konnte den Tag aber nicht entscheidend verkürzen. Dritter der Gesamtwertung bleibt der Mexikaner Isaac del Toro, der 9:42 Minuten Rückstand auf seinen Teamkollegen bei UAE Team Emirates aufweist und damit sein erstes Podium bei einer Grand Tour sicherstellte.
Teamwork für del Toro
Pogacar hatte im Finale bewusst auf eigene Etappenchancen verzichtet und stattdessen Tempoarbeit für del Toro geleistet, um den dritten Platz des Mexikaners abzusichern. Nach dem Rennen erklärte der Slowene: "Zuvor hat Isaac mir aber geholfen, das Gelbe Trikot zu holen. Es war eine Ehre, heute für Isaac zu fahren." Zudem sagte er: "Zwei Leute auf dem Podium ist etwas Unvorstellbares. Wir können sehr stolz sein." Sein Teamkollege Felix Großschartner aus Oberösterreich hatte über lange Phasen die Tempoarbeit für Pogacar übernommen und beendete die Etappe mit 16:40 Minuten Rückstand auf Rang 42, der Tiroler Marco Haller war rund 75 Kilometer vor dem Ziel in einen Verkehrsschild-Sockel gestürzt, konnte das Rennen aber nach dem glimpflichen Ausgang fortsetzen.
Die Etappe über 127,9 Kilometer von Gap zur Alpe d'Huez war mit rund 5.600 Höhenmetern die bergigste des gesamten Tour-Kurses und umfasste neben der Schlusssteigung die Kategorie-1-Anstiege Col de la Croix-de-Fer, Col du Télégraphe und Col du Galibier. Tausende Fans hatten bereits in der Nacht in Zelten und Wohnwagen an den Hängen campiert, um entlang der berühmten 21 Kehren einen Platz zu ergattern. Die diesjährige Tour kehrt damit erstmals seit vier Jahren auf die Alpe d'Huez zurück – und das gleich zweimal innerhalb von zwei Tagen, denn am Samstag steht die 20. Etappe erneut mit Ziel in der Skistation auf dem Programm, diesmal allerdings über den Col de Sarenne, einen Anstieg ohne Zuschauer.
Rekordfahrt am Vortag
Vor dem Hintergrund einer Viruswelle im UAE-Team hatte Pogacars Mannschaft die Fahrer mit Symptomen bereits am Vorabend in Einzelzimmern isoliert. Der deutsche Helfer Nils Politt berichtete: "Wir versuchen uns zu separieren." Außerdem sagte er: "Man hört von vielen Fahrern im Feld, dass sie angeschlagen sind und krank sind." Trotz dieser Umstände trat die Equipe geschlossen auf, und auch Adam Yates fungierte als Relais-Station am Fuß des Schlussanstiegs, bevor del Toro und Pogacar gemeinsam das Ziel erreichten.
Bereits am Vortag hatte Pogacar mit einer Zeit von 35:26 Minuten den 1997 aufgestellten Alpe-d'Huez-Rekord Marco Pantanis um 1:14 Minuten unterboten und war im Schnitt 23,3 km/h den Berg hochgefahren. Mit dem Erfolg auf der Königsetappe kletterte der Slowene zudem in der Liste der Allzeit-Etappensieger auf Platz vier, gleichauf mit 25 Tagessiegen, hinter den Rekordhaltern Mark Cavendish (35), Eddy Merckx (34) und Bernard Hinault (28). In der Wertung der Tage im Gelben Trikot liegt Pogacar mit 69 Tagen auf Rang drei, nur hinter Merckx (96) und Hinault (79).
Geschichte und Bestmarken
Mit nunmehr 13 Monument-Siegen ist Pogacar hinter Merckx (19) zudem der zweiterfolgreichster Klassikerjäger der Geschichte und liegt vor seinen Landsleuten Roger De Vlaeminck (11) und Costante Girardengo, Fausto Coppi sowie Sean Kelly mit jeweils neun Erfolgen. Auch bei den Grand-Tour-Gesamtsiegen zählt der Slowene zur absoluten Spitzengruppe: Nur Merckx (11), Jacques Anquetil, Bernard Hinault und Miguel Indurain (jeweils fünf) haben bislang fünf oder mehr Gesamtsiege bei der Tour de France eingefahren. Der Brite Christopher Froome, der seine Karriere mit vier Gesamtsiegen beendete, steht mit Pogacar gleichauf auf der ewigen Bestenliste.
Verkürzte Schlussetappe
Unterdessen sorgte die Organisatorenleitung der Tour am Freitagabend für einen Einschnitt in die Schlussetappe am Sonntag: Wegen schwerer Waldbrände im Südwesten Frankreichs und der damit verbundenen Belastung für Rettungs- und Sicherheitskräfte wird die 21. Etappe deutlich verkürzt. Statt wie geplant 133 Kilometer von Thoiry in die Hauptstadt sollen nur noch 89 Kilometer ausschließlich in Paris zurückgelegt werden, wobei die Organisatoren zwei zusätzliche Runden auf den Champs-Élysées einplanten. Die drei Anstiege auf den Montmartre-Hügel bleiben Teil des Programms.
Ausblick auf Samstag
Bereits am Samstag wartet mit der 20. Etappe die zweite Alpe-d'Huez-Ankunft binnen 24 Stunden, ein Umstand, den Pogacar im Vorfeld als außergewöhnlich bezeichnet hatte: "Dieses Jahr wird es ikonisch sein, weil wir zweimal dort hochfahren." Die Etappe führt über 170,9 Kilometer und 5.450 Höhenmeter mit drei Hors-Catégorie-Anstiegen, wobei der finale Aufstieg über den Col de Sarenne ohne Zuschauer verläuft. Für deutsche Radsport-Fans verlief die Tour durchwachsen: Pascal Ackermann aus der Pfalz musste das Rennen am Col de la Croix-de-Fer aufgeben und erklärte gegenüber dem ZDF: "Es hat heute halt einfach nicht gereicht."
