Die Hamburger Bevölkerung hat in einem Referendum mit 54,9 Prozent gegen eine Olympia-Bewerbung gestimmt. Bürgermeister Peter Tschentscher erklärte das Votum für bindend, womit Hamburg aus dem nationalen Auswahlverfahren des DOSB ausscheidet.
Bei einem Bürgerentscheid am Sonntag haben die Hamburgerinnen und Hamburger mit deutlicher Mehrheit von 54,9 Prozent eine Bewerbung der Hansestadt um Olympische und Paralympische Spiele in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 abgelehnt.
Nach Auszählung aller Stimmen votierten laut Landeswahlleiter Oliver Rudolf 357.911 Menschen mit Nein, während 293.819 für die Bewerbung stimmten. Die Wahlbeteiligung lag bei 49,5 Prozent. Insgesamt waren rund 1,3 Millionen Hamburgerinnen und Hamburger ab 16 Jahren stimmberechtigt. Bereits 87,1 Prozent der abgegebenen Stimmen waren vor dem Sonntag per Briefwahl eingegangen.
Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) räumte die Niederlage noch am Abend ein. „Das Votum gegen die Bewerbung ist für den Senat verbindlich. Ich bedauere die Entscheidung, aber ich habe soeben den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes darüber informiert, dass Hamburg die Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Spiele nicht aufrecht erhält“, sagte Tschentscher. Er dankte zugleich allen Unterstützerinnen und Unterstützern der Kampagne.
Zweites Nein in der Hansestadt
Damit scheitert eine Hamburger Olympia-Bewerbung zum zweiten Mal. Bereits im November 2015 hatten die Bürgerinnen und Bürger ein Vorhaben für die Spiele 2024 abgelehnt – damals mit 51,6 Prozent Nein-Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 50,2 Prozent. Die erneute Absage wiegt für die Befürworter schwer, weil sich die Rahmenbedingungen aus ihrer Sicht grundlegend verbessert hatten.
Der DOSB-Vorstandsvorsitzende Otto Fricke zeigte sich enttäuscht. „Für uns ist das ein bisschen frustrierend nach 19 positiven Ergebnissen, dass Hamburg demokratisch gesagt hat: Nein, bei uns in der Stadt wollen wir das nicht. Aber das gehört dazu. Das ist auch Teil unseres transparenten Verfahrens“, erklärte Fricke mit Verweis auf erfolgreiche Referenden in München, Nordrhein-Westfalen und Kiel.
Hamburgs Sportsenator Andy Grote (SPD) kündigte an, die positive Energie aus der Kampagne nutzen zu wollen. „Unzählige Engagierte quer durch die gesamte Stadtgesellschaft haben leidenschaftlich für Olympische und Paralympische Spiele und für diese große Chance für Hamburg gekämpft. Aber am Ende hat es nicht gereicht. Die enorme positive Energie der vergangenen Wochen und Monate wollen wir dennoch nutzen, um wichtige Projekte aus dem Bewerbungskonzept, insbesondere für die Bewegungsförderung von Kindern und Jugendlichen umzusetzen“, sagte Grote.
Wirtschaft zeigt sich enttäuscht
Die Wirtschaft der Hansestadt reagierte mit deutlicher Enttäuschung. Norbert Aust, Präses der Handelskammer Hamburg, erklärte: „Wir sind weiterhin überzeugt, dass Olympische und Paralympische Spiele große Chancen für Hamburgs internationale Sichtbarkeit, wirtschaftliche Entwicklung und Infrastruktur geboten hätten.“ Ein positives Votum wäre ein wichtiges Signal gewesen, dass Hamburg ambitioniert sei und sich Großes zutraue – weit über den Sport hinaus.
Hjalmar Stemmann, Präsident der Handwerkskammer Hamburg, sagte: „Wir sind überzeugt, dass Hamburg im Wettbewerb der Bewerberstädte eine starke Position gehabt hätte. Unsere Stadt hat heute eine Chance vertan, über sich selbst hinauszuwachsen.“ Hans Fabian Kruse, Präsident des Unternehmerverbands AGA, nannte das Ergebnis ein bitteres Signal, weil Hamburg die einzige Bewerberstadt sei, in der sich die Bevölkerung gegen Olympia entschieden habe.
Auf der Gegenseite herrschte Erleichterung. Eckart Maudrich von der Initiative NOlympia sagte: „Die Freude ist groß, aber wir sehen gleichzeitig die Zerrissenheit einer Stadt. Die Spielregeln des IOC sind keine, die für den Sport stehen, sondern für eine Abschöpfung. Sie nehmen mehr weg als sie geben. Bei den Finanzen war das Bild sehr, sehr schief. Das war sicherlich ein ganz wesentlicher Grund.“
Olympia-Gegner feiern Erfolg
Maudrich fügte hinzu: „Dieses Ergebnis zeigt: Die Hamburger und Hamburgerinnen lieben ihre Stadt und lassen sich nicht von einer Million Euro teuren Werbekampagne hinter die Fichte führen.“ Die Olympia-Gegner hatten im Vorfeld vor unkalkulierbaren finanziellen Risiken, steigenden Mieten und Belastungen für Anwohner und Umwelt durch Verkehr und Baumaßnahmen gewarnt.
Auch aus der Landespolitik kamen Reaktionen. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) bedauerte das Nein, betonte aber den demokratischen Charakter der Entscheidung. „Das Referendum war ein demokratischer Vorgang, und das Votum der Mehrheit ist zu akzeptieren. Natürlich hätten wir uns sehr über Olympische und Paralympische Spiele in Hamburg gefreut. Hamburg hätte gemeinsam mit Kiel großartige und weltoffene maritime Spiele ausrichten können“, sagte Günther.
Die Olympiasiegerin im Beachvolleyball, Laura Ludwig, zeigte sich überrascht. „Es verwundert mich. Ich bin extrem positiv hier hergefahren. Aber wir werden es akzeptieren müssen. Wenn ich jetzt auf die Zahlen gucke: Es wird nicht mehr positiv ausfallen. Und wie es auch im Sport war: Niederlagen müssen wir akzeptieren“, sagte die Rio-Goldmedaillengewinnerin von 2016.
Reaktionen aus Sport und Politik
Meike Evers-Rölver, Ruder-Olympiasiegerin und Vizepräsidentin des Landessportverbandes Schleswig-Holstein, richtete den Blick bereits nach vorne. „Es ist wirklich schade, dass die Hamburger schon wieder gegen die Olympischen Spiele gestimmt haben. Aber es ist ein demokratischer Prozess und dem müssen wir uns stellen. Für Kiel heißt das jetzt, dass wir auf München oder Rhein-Ruhr hoffen müssen. Wir sind noch nicht aus dem Rennen“, sagte sie.
SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf sagte, die Bürgerinnen und Bürger müssten entscheiden, und das Ergebnis werde akzeptiert. Es wäre traurig, wenn man nun Richtung München schauen müsse und feststelle, wie gut solche Olympischen Spiele abliefen. Erster Bürgermeister Tschentscher erklärte, der Senat habe aus dem früheren Referendum gewusst, dass die Skepsis gegenüber Olympia in Hamburg größer sei als in vielen anderen Städten. Gleichwohl habe man sich für die Bewerbung entschieden, weil Olympische und Paralympische Spiele nach den heutigen Bedingungen eine große Chance für alle seien.
Tschentscher kündigte an, Hamburg werde seine städtebaulichen Ziele und großen Infrastrukturprojekte nun ohne Olympia mit aller Kraft verfolgen – wofür man die Unterstützung der Bundesregierung benötige. Der Erste Bürgermeister hatte sich seit März aktiv für die Bewerbung eingesetzt und das Konzept der „Spiele der kurzen Wege“ mit bestehenden oder temporären Wettkampfstätten beworben.
Auswirkungen auf das nationale Bewerberfeld
Mit dem Hamburger Nein reduziert sich das Bewerberfeld für die nationale DOSB-Auswahl auf drei Kandidaten. Neben München, wo rund 66 Prozent für eine Bewerbung stimmten, und der Rhein-Ruhr-Region mit Köln als Zentrum – ebenfalls mit etwa 66 Prozent Zustimmung – ist Berlin im Rennen. Die Hauptstadt hatte aus verfassungsrechtlichen Gründen auf ein Referendum verzichtet; stattdessen stimmte das Abgeordnetenhaus am 21. Mai mehrheitlich für eine Olympia-Bewerbung.
In Kiel hatten sich die Bürgerinnen und Bürger bereits am 19. April in einem separaten Entscheid mit 63,5 Prozent dafür ausgesprochen, sich als Segelrevier für künftige Spiele in Deutschland anzubieten. Diese Option bleibt für die verbliebenen Bewerberstädte bestehen. Der DOSB wird am 26. September entscheiden, welche Kandidatur in das internationale Bewerbungsverfahren geschickt wird. Dabei kommt eine Matrix zum Einsatz, die auch Bürgerbefragungen einbezieht.
Eine breite Allianz aus Politik, organisiertem Sport, Wirtschaft und Kultur hatte die Hamburger Bewerbung unterstützt. Die Linke, die AfD, die Initiative NOlympia sowie Umweltschutzverbände hatten sich gegen das Vorhaben gestellt. Kritiker bemängelten zudem, sie könnten den von Tschentscher angeführten Kulturwandel innerhalb des Internationalen Olympischen Komitees nicht erkennen.
Hintergrund der Kampagne
Das endgültige amtliche Endergebnis bestätigte den Trend, der sich bereits bei der ersten Zwischenauszählung abgezeichnet hatte. Gegen 19:08 Uhr, als rund 300.000 Stimmen – etwa die Hälfte – ausgezählt waren, stand es bereits 165.997 Nein-Stimmen oder 54,8 Prozent gegen die Bewerbung. Die Gegenseite konnte diesen Vorsprung bis zum Schluss nicht mehr aufholen.
Fragen & Antworten
Wie hat Hamburg im Olympia-Referendum 2026 abgestimmt?
54,9 Prozent der Abstimmenden votierten mit Nein, 45,1 Prozent mit Ja. Die Wahlbeteiligung lag bei 49,5 Prozent.
Welche Konsequenzen hat das Nein für Hamburgs Olympia-Pläne?
Hamburg scheidet aus dem nationalen Auswahlverfahren des DOSB aus und wird sich nicht um die Spiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben.
Welche Städte sind noch im Rennen um eine deutsche Olympia-Bewerbung?
Nach dem Hamburger Nein verbleiben München, die Rhein-Ruhr-Region mit Köln sowie Berlin als Kandidaten für die DOSB-Auswahl.