THW Kiel trennt sich von Trainer Jicha: Saison ohne Titel
Kiel, 22 Juni 2026
Max Petershans / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Kurzfassung
Der deutsche Handball-Rekordmeister THW Kiel hat sich am Montag von seinem Cheftrainer Filip Jicha getrennt, nachdem die Mannschaft die Bundesliga-Saison auf dem sechsten Platz abgeschlossen hatte. Als Nachfolger wird laut Kieler Nachrichten und NDR der Norweger Börge Lund erwartet, derzeit Trainer beim norwegischen Club Elverum Håndball.
Kiel, 22 Juni 2026
Der deutsche Handball-Rekordmeister THW Kiel hat am Montag Cheftrainer Filip Jicha nach sieben Jahren freigestellt, nachdem die Mannschaft die Saison in der Handball-Bundesliga auf dem sechsten Platz beendet hatte.
Hintergrund der Trennung
Wie der Verein am Montag auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz am Trainingszentrum in Altenholz mitteilte, ist die Trennung vom tschechischen Trainer das Ergebnis einer zweiwöchigen Analyse nach dem letzten Spieltag. Geschäftsführer Viktor Szilágy erklärte, die Entscheidung sei persönlich schwer gefallen, aber notwendig gewesen: „aber der THW braucht einen Neustart." Gleichzeitig würdigte er die Verdienste des 44-Jährigen und sagte, dieser dürfe „die Bühne erhobenen Hauptes verlassen". Jicha solle zu Beginn der nächsten Saison die Möglichkeit erhalten, sich in der Ostseehalle vor großem Publikum von der Mannschaft, dem Verein und den Fans zu verabschieden.
Sportlich hatte THW Kiel die abgelaufene Spielzeit deutlich unter den eigenen Erwartungen abgeschlossen. Mit 17 Siegen aus 34 Bundesligaspielen landete der Rekordmeister auf Rang sechs – das schlechteste Bundesliga-Ergebnis seit 23 Jahren. Im Endklassement fehlten 22 Punkte auf den neuen Meister SC Magdeburg. Auch im DHB-Pokal blieb der THW in dieser Saison titellos, einzig der Pokalsieg 2025 unter Jicha steht noch in den Geschichtsbüchern.
Jicha reagiert enttäuscht
Bereits am Samstag war Jicha informiert worden, anschließend wurden Spieler und Mitarbeiter über die Entscheidung in Kenntnis gesetzt. Jicha selbst äußerte sich enttäuscht über die Trennung. Gegenüber den Medien erklärte er: „Ich bin natürlich enttäuscht, dass diese Entscheidung gefallen ist, wie sie jetzt ist." Auf Instagram schrieb er zudem: „Über das Warum mag man spekulieren, aber ich mache hier einen Punkt."
Viktor Szilágy begründete den Schritt mit der sportlichen Entwicklung der letzten Monate, die eine geplante Neuaufstellung mit Jicha nicht mehr zugelassen habe. „Meine Aufgabe ist es, aus Erkenntnissen zu handeln. Ich hätte mir gewünscht, den Neustart unserer neu formierten Mannschaft wie geplant gemeinsam mit Filip angehen zu können", sagte Szilágy. Doch „der Ballast der sportlichen Entwicklung in den letzten Monaten wiegt dafür zu schwer." Der Tag sei „der Tag der Dankbarkeit für das, was Filip für den THW Kiel geleistet hat".
Verletzungen und Rückschläge in der Rückrunde
Hintergrund der Misere war auch eine Verletzungsmisere im Kader. Der dänische Rückraumspieler Emil Madsen und der isländische Spielmacher Elias Ellefsen à Skipagötu von den Färöer-Inseln hatten über weite Strecken der Saison gefehlt. Ellefsen à Skipagötu kämpfte insbesondere mit Schulterproblemen. In der Rückrunde kassierte der THW unter anderem Niederlagen in Stuttgart und Minden und trennte sich nur Unentschieden von Eisenach und Leipzig. Am vorletzten Spieltag setzte es eine 30:34-Auswärtsniederlage beim Absteiger GWD Minden.
Verpasste Champions League mit wirtschaftlichen Folgen
Besonders schwer wog aus Sicht der Vereinsführung das erneute Verfehlen der europäischen Wettbewerbe. Zum dritten Mal in Folge qualifizierte sich der THW nicht für die Champions League, auch der Trostpreis Europa League wurde verpasst. Damit wird der Rekordmeister in der kommenden Saison erstmals seit 33 Jahren nicht an einem europäischen Pokalwettbewerb teilnehmen – ein Umstand, der laut dem früheren Aufsichtsratsvorsitzenden Marc Weinstock zu deutlich geringeren Einnahmen führt. Der sportliche Aderlass droht damit auch wirtschaftliche Folgen nach sich zu ziehen.
Börge Lund als möglicher Nachfolger
Als designierter Nachfolger ist laut Kieler Nachrichten und NDR der Norweger Börge Lund im Gespräch. Der 47-Jährige steht seit 2020 beim norwegischen Club Elverum Håndball unter Vertrag und kennt den THW aus eigener Erfahrung: Von 2007 bis 2010 spielte er in Kiel. Lund wäre damit der erste ausländische Cheftrainer in der jüngeren Vereinsgeschichte. Szilágy wollte sich am Tag der Bekanntgabe noch nicht zu einem Nachfolger äußern: „Zu eventuellen Nachfolgern werden wir heute nichts sagen. Natürlich wissen wir, dass in den nächsten Tagen beinahe jeder Name im Welthandball mit uns in Verbindung gebracht werden wird."
Eine Ära zwischen Pilsen, Barcelona und Kiel
Die Trennung von Jicha markiert das Ende einer bemerkenswerten Ära. Der gebürtige Pilsener war bereits als Spieler zwischen 2007 und 2015 eine Identifikationsfigur an der Ostsee, ehe er 2015 zu FC Barcelona wechselte. Als Aktiver gewann er mit dem THW sieben deutsche Meisterschaften, zwei Champions-League-Titel und acht DHB-Pokals. 2018 kehrte er als Co-Trainer von Alfred Gislason – heute Trainer der isländischen Nationalmannschaft – nach Kiel zurück und übernahm 2019 die Cheftrainerrolle.
In dieser Funktion baute er die Erfolgsgeschichte aus. Unter Jicha holte der THW drei deutsche Meisterschaften (2020, 2021 und 2023), zwei DHB-Pokalsiege sowie den Champions-League-Titel 2020. Darüber hinaus gewann er als Handballer des Jahres eine der höchsten individuellen Auszeichnungen der Sportart. Insgesamt stehen laut Kieler Nachrichten 33 Titel mit dem THW Kiel – als Spieler und als Trainer – in seiner Vita.
Erst im Oktober hatte der Verein den im Sommer 2026 auslaufenden Vertrag mit Jicha vorzeitig bis 2028 verlängert – ein klares Bekenntnis, das nun allerdings nur knapp ein halbes Jahr später wieder zurückgenommen wurde. Die Vertragsverlängerung wurde seinerzeit auch vor dem Hintergrund der Kontinuität und der geplanten Neuformierung der Mannschaft vorgenommen. Mit den Verpflichtungen des slowenischen Nationalspielers Domen Makuc von FC Barcelona und des deutschen Nationalspielers Julian Köster von VfL Gummersbach hatte der THW bereits die Weichen für die kommende Saison gestellt.
Für die Kieler Anhänger bedeutet die Trennung dennoch einen Einschnitt. Jicha hatte den Verein durch die schwierige Phase der COVID-19-Pandemie geführt und 2020 trotz des abgebrochenen Spielbetriebs den Meistertitel eingefahren. Auch in der Champions League 2020 führte er den THW zum Titel und festigte damit den Ruf als einer der erfolgreichsten Trainer der Vereinsgeschichte.
Die sportliche Talfahrt in der abgelaufenen Saison ließ sich allerdings nicht mehr abwenden. Dass ausgerechnet der THW dem neuen Meister SC Magdeburg die einzige Saisonniederlage beigebracht hatte, verdeutlichte die Widersprüche einer Spielzeit, die phasenweise dennoch Titelambitionen geweckt hatte. Am Ende reichte es weder zu einem Pokal- noch zu einem internationalen Erfolg.
Ausblick auf die kommende Saison
Die Uhr für eine mögliche Rückkehr auf die nationale und internationale Bühne tickt nun. Mit dem vorzeitigen Ende der Amtszeit Jichas geht die Suche nach einer sportlichen Neuausrichtung einher. Sollte Börge Lund den Trainerposten übernehmen, würde der THW zugleich den eingeschlagenen Weg der Verjüngung mit einem Trainer fortsetzen, der den Verein aus seiner aktiven Zeit kennt und mit der norwegischen und mitteleuropäischen Handball-Landschaft bestens vertraut ist.
Der designierte Geschäftsführer hatte für die Pressekonferenz am Nachmittag um 14:00 Uhr geladen. Bis dahin wollte Szilágy keine weiteren Details zu Personalien oder zur künftigen Ausrichtung der Mannschaft bekannt geben. Klar ist jedoch bereits jetzt, dass der Verein mit dem Abschied von Filip Jicha einen tiefen personellen Schnitt vollzogen hat, dessen sportliche und wirtschaftliche Folgen erst in der kommenden Saison abschließend bewertet werden können.
Fragen & Antworten
Warum hat sich THW Kiel von Filip Jicha getrennt?
Der Verein begründete den Schritt mit der sportlichen Talfahrt der abgelaufenen Saison: Platz sechs in der Bundesliga, kein Titel und zum dritten Mal in Folge verpasste Champions-League-Qualifikation. Geschäftsführer Viktor Szilágy erklärte, die sportliche Entwicklung sei zu belastend für einen geplanten Neustart mit Jicha gewesen.
Wer soll Nachfolger von Filip Jicha werden?
Laut Kieler Nachrichten und NDR ist der Norweger Börge Lund als neuer Cheftrainer vorgesehen. Der 47-Jährige trainiert seit 2020 den norwegischen Club Elverum Håndball und spielte bereits von 2007 bis 2010 für THW Kiel.
Welche Erfolge hatte Filip Jicha mit dem THW Kiel?
Als Trainer gewann er drei deutsche Meisterschaften (2020, 2021, 2023), zwei DHB-Pokalsiege und die Champions League 2020; als Spieler zwischen 2007 und 2015 kamen sieben Meisterschaften, zwei Champions-League-Titel und acht DHB-Pokals hinzu.
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