Sportsoziologe Gebauer kritisiert Trumps Anruf bei Infantino als unerhörte Einmischung in die Sportautonomie
Berlin, 08 Juli 2026
StagiaireMGIMO / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
Kurzfassung
Der Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer hat den Anruf von US-Präsident Donald Trump bei FIFA-Chef Gianni Infantino zur Aufhebung der Sperre von US-Stürmer Folarin Balogun scharf kritisiert. Er sprach von einer unerhörten Einmischung politischer Macht in die Autonomie des Sports und nannte Trump einen Schummler.
Berlin, 08 Juli 2026
Der Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer hat den Anruf von US-Präsident Donald Trump bei FIFA-Präsident Gianni Infantino zur Aufhebung der Rotsperre von US-Stürmer Folarin Balogun als unerhörte Einmischung politischer Macht in die Autonomie des Sports kritisiert.
In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung warf Gebauer dem US-Präsidenten vor, sich in sportliche Entscheidungen einzumischen, um der eigenen Mannschaft einen Vorteil zu verschaffen. Es sei fatal, dass sich die höchste politische Autorität des Veranstalterlandes eingeschaltet habe, um zugunsten seiner Mannschaft einen Vorteil herauszuholen. Gebauer bezeichnete Trump wörtlich als Schummler und sagte: Das ist unerhört.
Für seine Einschätzung sei es im Grunde unerhört, ob Trump wirklich durch seinen Anruf den Vorgang bewirkt habe, oder ob er sich nur damit brüstet. Der Sportsoziologe verglich den Vorgang mit den Olympischen Spielen 1936 in Deutschland: Nehmen Sie zum Beispiel die Olympischen Spiele 1936 in Deutschland. Da saß Adolf Hitler auf der Tribüne und hat nicht ein einziges Mal eingegriffen. Obwohl er später alle möglichen Verträge gebrochen hat, muss man sagen: Selbst der Gastgeber Hitler hat sich an die Regeln des Sports gehalten.
Hintergrund: Baloguns Rote Karte und die überraschende Wende
Hintergrund des Konflikts ist die überraschende Aufhebung einer Sperre gegen Balogun. Die Sperre Baloguns für das Achtelfinal-Duell der USA mit Belgien (1:4) wurde nach dem Anruf aufgehoben. Zuvor war der US-Topstürmer beim 2:0-Erfolg im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina mit Rot vom Platz geflogen und damit für die Achtelfinal-Partie gegen Belgien gesperrt worden. Trump hatte nach eigenen Angaben mit einem Anruf bei der FIFA um eine Überprüfung der Sperre gebeten. Die FIFA hob die Sperre aber überraschend auf. Infantino schwört allerdings, dass Trumps Anruf keinen Einfluss gehabt habe.
Balogun stand gegen Belgien zwar in der Startelf des WM-Mitgastgebers, spielte in dem Duell aber keine große Rolle. Dennoch löste der Vorgang eine Welle der Kritik aus, auch innerhalb der Fußballverbände. Die UEFA wertete die Entscheidung als Affront und sprach von einer klaren Grenzüberschreitung. Der britische Guardian wertete die Mitteilung als Kriegserklärung. In einer Stellungnahme hieß es, die FIFA halte sich nicht an die Regeln des Fußballs. Die Konföderationen aus Südamerika, Afrika und Asien sprachen Infantino hingegen bereits ihre Unterstützung aus.
Reaktionen: Von Blatter bis Merk
Auch der frühere FIFA-Präsident Sepp Blatter äußerte sich besorgt über die Integrität des Fußballs. Blatter erklärte, Rote Karten dürften nur über Regeln und unabhängige Gremien aufgehoben werden, niemals über politische Anrufe und Machtspiele. Der ehemalige FIFA-Vizepräsident Jack Warner fordert sogar, Infantino bei der nächsten FIFA-Präsidentschaftswahl abzuwählen. Infantino will sich im kommenden Jahr im Amt bestätigen lassen. Unterstützt wird er dabei von den Konföderationen aus Südamerika, Afrika und Asien, denen beim FIFA-Kongress jeweils eine Stimme pro Land zukommt.
Hans E. Lorenz, langjähriger Vorsitzender des DFB-Sportgerichts, sagte der dpa: Es war bisher eine Religion der FIFA, dass auf eine Rote Karte mindestens ein Spiel Sperre folgen muss. Auch der dreimalige WM-Schiedsrichter Markus Merk zeigte sich bestürzt: Ich glaube, jeder, der den Fußball liebt und die Integrität des Fußballs, die Glaubwürdigkeit des Fußballs liebt, kann nur erschüttert sein. Der britische Abgeordnete Noah Law schrieb einen ironisch anmutenden Brief an die FIFA mit der Bitte, die Sperre aufzuheben.
FIFA gegen UEFA: Ein Dauerstreit
Die Causa wirft ein Schlaglicht auf die seit Jahren schwelenden Spannungen zwischen FIFA und UEFA. Als Gianni Infantino 2016 zum FIFA-Präsidenten gewählt wurde, unterstützte die UEFA ihren langjährigen Generalsekretär dabei. Inzwischen liegen die Verbände über Kreuz: Die UEFA bremste bei der Einführung des Videoschiedsrichters, die FIFA preschte vor. Die FIFA warf in den Raum, die Männer-WM alle zwei Jahre auszutragen, die UEFA stellte sich quer. Als die Klub-WM auf ein Turnier mit 32 Teams aufgeblasen wurde, waren die europäischen Spitzenklubs dafür, nicht zuletzt aufgrund der enormen Preisgelder. Die UEFA fürchtet einen Bedeutungsverlust der renommierten Champions League und Konkurrenz zur zeitgleich stattfindenden Europameisterschaft der Frauen.
Der Politikwissenschaftler und Fußball-Experte Peter Filzmaier sagte der dpa: Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Er warnte, die FIFA könne sich der Diskussion um die Aufhebung der Sperre nun nicht mehr entziehen. Wann hebt sie eine Entscheidung auf, wann nicht? Das könnte man theoretisch bei jeder Roten Karte mit einer Sperre als Folge diskutieren. Filzmaier verwies darauf, dass der Französische Verband bereits eine Annullierung der Gelben Karte gegen Michael Olise beantragt hat. Laut englischen Medienberichten denkt der englische Verband darüber nach, gegen die Rote Karte von Jarell Quansah Einspruch einzulegen.
Personalisierte Kritik an Infantino
Gebauer griff auch FIFA-Chef Infantino persönlich scharf an. Der Präsident der FIFA hat sich Trump ja regelrecht an die Brust geworfen. Er hat ihm einen Friedenspreis überreicht, den es gar nicht gibt, den er im Namen der FIFA einfach erfunden hat. Das ist schon etwas, was noch nie vorgekommen ist. Er hat ihm auch schon eine Goldmedaille umgehängt. Auch jetzt tut er offenbar alles, um den amerikanischen Präsidenten zu umschmeicheln. Infantino hatte Trump bereits zu Staatsbesuchen nach Katar und Saudi-Arabien begleitet und ihm bei der WM-Auslosung einen Friedenspreis überreicht. Die FIFA hat zudem ein Büro im Trump-Tower in New York, die Miete zahlt sie an die Trump-Familie.
Gebauer schloss mit einem scharfen persönlichen Vergleich: Die Einmischung kommt von einem Mann, von dem berichtet wird, dass er beim Golfspielen den Ball hinter dem Rücken seiner Mitspieler einfach verlegt, sodass er eine günstigere Ausgangsposition hat. Damit unterstrich er seine Einschätzung, dass Trumps Verhalten den Grundsätzen fairer sportlicher Wettbewerbe widerspreche. Die Debatte über die Unabhängigkeit des Weltfußballs dürfte damit weit über den konkreten Fall Balogun hinausgehen.
Führungsfrage und politische Dimension
Der Fall hat auch die FIFA-Führungsfrage neu aufgeworfen. Jack Warner, der 2011 im Zuge eines Bestechungsskandals von der FIFA zurückgetreten war, will Infantino mit Blick auf dessen Bestätigung im kommenden Jahr aus dem Amt drängen. Er wirft dem FIFA-Präsidenten vor, den Sport in Misskredit gebracht und die Integrität der FIFA als unpolitische Organisation zerstört zu haben. Warner kritisierte zudem die Abwesenheit frei empfangbarer Fernsehübertragungen und eine zunehmende Gier der FIFA, die sich unter anderem in überhöhten Ticketpreisen äußere. Unterstützung erhält Warner von Sepp Blatter, der selbst wegen Ethikverstößen gesperrt war und sich ebenfalls besorgt über die Integrität des Fußballs äußerte.
Die Causa verdeutlicht, wie stark politische Interessen mittlerweile in den internationalen Spitzensport hineinwirken. Infantino, der einst von der UEFA ins Amt gehoben wurde, sieht sich nun mit dem Vorwurf konfrontiert, sich einem politischen Akteur anzudienen. Für die Kritiker bleibt die Frage, ob eine Rote Karte und die daraus folgende Sperre künftig noch sportliche Konsequenz haben, wenn sie durch einen Anruf aus der Welt geschaffen werden können.
Fragen & Antworten
Wer ist Folarin Balogun und warum wurde seine Sperre aufgehoben?
Folarin Balogun ist ein US-Stürmer, der im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina die Rote Karte sah und für das Achtelfinale gegen Belgien gesperrt wurde. Die FIFA hob die Sperre überraschend auf, nachdem US-Präsident Trump nach eigenen Angaben bei FIFA-Chef Infantino angerufen und um eine Überprüfung gebeten hatte.
Wie hat Sportsoziologe Gunter Gebauer den Anruf bewertet?
Gebauer sprach in der Süddeutschen Zeitung von einer unerhörten Einmischung politischer Macht in die Autonomie des Sports und nannte Trump einen Schummler. Er nannte es zudem fatal, dass sich die höchste politische Autorität des Veranstalterlandes zugunsten der eigenen Mannschaft eingeschaltet habe.
Wie reagierte die UEFA auf die Entscheidung der FIFA?
Die UEFA wertete den Vorgang nach Einschätzung des britischen Guardian als Kriegserklärung und warf der FIFA vor, sich nicht an die Regeln des Fußballs zu halten. Zudem fürchtet die UEFA einen Bedeutungsverlust der Champions League und Konkurrenz zur zeitgleich stattfindenden Frauen-Europameisterschaft.
Trump-Anruf bei FIFA: Gebauer kritisiert Einmischung in | sportnachrichten