Schottische Fans fluten Boston und leeren die Biervorräte
Boston, 19 Juni 2026
Eric Skiff / Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0
Kurzfassung
Rund 30.000 schottische Fußballfans haben Boston in einen Ausnahmezustand versetzt und die Biervorräte der Stadt nahezu leergekauft. Vor dem zweiten Gruppenspiel Schottlands gegen Marokko am Samstag bestellen Bars Sondersendungen und rüsten mit zusätzlichen Kühlschränken auf.
Boston, 19 Juni 2026
Rund 30.000 schottische Fußballfans haben Boston während der WM in einen Ausnahmezustand versetzt, die Biervorräte der Stadt nahezu leergekauft und die historische US-Metropole in ein vorübergehendes schottisches Partyhochland verwandelt.
Die US-Ostküstenmetropole erlebt seit Tagen eine Welle der Begeisterung, wie sie selbst alteingesessene Gastronomen nicht kannten. Wie die Deutsche Presse-Agentur unter Berufung auf ESPN und den Boston Globe berichtet, sind die Anhänger der schottischen Nationalmannschaft in Scharen über den Atlantik gereist, um ihre Mannschaft bei der Endrunde in den USA zu unterstützen. Dazu kommen nach Schätzungen etwa 10.000 Bostoner mit schottischen Wurzeln, die sich den Feiern anschließen.
Hintergrund: Schottlands lange WM-Geschichte
Dabei hatte das Turnier für Schottland mit einem historischen Moment begonnen. Das 1:0 zum Auftakt gegen Haiti war der erste schottische WM-Sieg seit 36 Jahren und weckte Hoffnungen auf eine lange ersehnte Qualifikation für die K.o.-Runde. Das Eröffnungsspiel fühlte sich für die Schotten angesichts der zahlreichen mitgereisten Fans wie ein Heimspiel an. Schottland spielt im neunten Anlauf erstmals um den Einzug in die Gruppenphase und will den unrühmlichen Negativrekord vermeiden, als erste Nation bei neun WM-Teilnahmen neunmal in der Vorrunde auszuscheiden.
Wirtschaftlicher Boom für Bostons Gaststätten
Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Ansturms sind enorm. Noelle Somers, der Bar Hennessy's, berichtete dem Boston Globe, der Umsatz sei auf das Dreifache des St. Patrick's Day gestiegen. „Wir sind seit über 30 Jahren hier, und so etwas haben wir noch nie erlebt“, sagte Somers. Auch Paul Morris von der Taverne The White Bull zeigte sich überwältigt: „Uns ist alles ausgegangen. Die Fans waren unglaublich. Sie sind großartig – sie haben Spaß, trinken, feiern – und genießen die Zeit in vollen Zügen.“
Bierengpass und Notlieferungen
Die größte Sorge der Gastwirte gilt jedoch der Logistik. Das Samuel Adams Boston Taproom meldete, dass die Besucher das gesamte Lager innerhalb weniger Tage austranken. Boston Beer Company sprach von einer „Notlieferung“, um die Vorräte wieder aufzufüllen. Wie das Unternehmen ESPN bestätigte, konsumierten die schottischen Fans zwischen Donnerstag und Sonntag die vierfache Menge an Bier, die die Brauerei normalerweise für einen viertägigen US-Feiertag wie den Unabhängigkeitstag am 4. Juli auf Lager hat. Vor allem das Samuel Adams „Boston Lager“ war besonders gefragt, wie die Brauerei mitteilte: „Wir nehmen diese Woche zusätzliche Lieferungen auf, um sicherzustellen, dass wir genug davon haben. Sie trinken im Grunde genommen nur Boston Lager.“
Doch nicht alle Gastronomen bestätigen diese These. Jennifer Monastesse, eines Irish Pubs im Zentrum, widersprach der Darstellung, die Fans tränken nur Boston Lager. „Sie trinken alles“, sagte sie. „Tagsüber flaniert man im Park oder am Hafen, bevor ab dem späten Nachmittag die Bars im Zentrum belagert werden“, beschrieb Monastesse den Tagesablauf der Gäste. Auch das Hennessy's sei unmittelbar nach dem Auftaktsieg gegen Haiti ausverkauft gewesen, berichtete Somers.
Um auf das kommende Wochenende besser vorbereitet zu sein, wurde eine extra Lieferung bestellt. Außerdem stehen deutlich mehr Kühlschränke bereit als gewohnt. Bostons Pubs platzen aus allen Nähten, die Zapfhähne sind teils leer. Die inoffizielle WM-Hymne „No Scotland, no Party“ wird im Dauertakt geschmettert. „Die schottischen Fans haben den Spaß in die Stadt zurückgebracht, den wir über den Winter verloren hatten“, sagte Somers.
Stadtbild im Ausnahmezustand
Die Fans prägen das Stadtbild auf ungewöhnliche Weise. Tausende Schotten in Kilts und in blau-weiße Flaggen gehüllt marschierten durch Boston, angeführt von Dudelsackspielern. Das traditionsreiche Baseballstadion Fenway Park, Heimstätte der Boston Red Sox, erlebte in seinen 120 Jahren Geschichte einen noch nie da gewesenen Ansturm schottischer Fußballfans. Und zu den Hauptattraktionen gehören längst nicht mehr das Museum der Boston Tea Party oder der Freedom Trail, der historische Sehenswürdigkeiten verbindet, sondern Dudelsackspieler in Schottenröcken.
Dabei beschränken sich die Anhänger nicht nur auf das Feiern in Bars. Ein 83-jähriger Fan namens Noel, eigens für das Turnier nach Boston gereist, scherzte gegenüber der dpa: „Schottland ist zurzeit geschlossen, alle sind hier.“ Mit einem Augenzwinkern forderte er zudem, Neuengland in Neuschottland umzubenennen. Ein anderer Anhänger rief nach dem 1:0-Sieg gegen Haiti euphorisch: „Jetzt gewinnen wir das Ding.“
Polizei: friedlich, aber Hütchen-Alarm
Trotz des Rausches verlief die Feier bislang friedlich. „Bislang läuft alles friedlich, wie die Polizei der dpa bestätigte. Ihre Hauptaufgabe bestehe darin, Statuen von Verkehrshütchen zu befreien“, berichtete die dpa. In der Tat haben die Schotten einen ihrer berüchtigten Bräuche mitgebracht: Fast jede Skulptur in Boston – darunter Enten und Affen – wurde mit einem orange-weißen Verkehrshütchen geschmückt, ganz ähnlich wie die berühmte Duke-of-Wellington-Statue in Glasgow.
Ausblick: Duell mit Marokko
Sportlich steht Schottland nun vor einer schwierigen Aufgabe. Am Samstagabend (Anpfiff 00:00 Uhr MEZ, Übertragung auf ServusTV) trifft die Mannschaft von Steve Clarke im NFL-Stadion der New England Patriots in Foxborough bei Boston auf Marokko. „Ich habe hier 26 Superstars. Alles, was wir in den letzten sieben Jahren aufgebaut haben, basiert auf der Mannschaft, darauf, dass alle zusammenhalten und zu den entscheidenden Zeitpunkten ihren Beitrag leisten“, sagte Clarke. Allerdings müssen im Vergleich zum Auftakt die Chancen effizienter genutzt werden.
Der Gegner ist kein leichter. Marokko ist regierender Afrikacup-Champion und WM-Halbfinalist von 2022. Dass Marokko zum Auftakt ein Unentschieden gegen Brasilien erkämpfte, ist kein Zufall. Gegen die Schotten ist das Team um Achraf Hakimi von Paris Saint-Germain Favorit. „Alles andere als ein Sieg wäre eine Enttäuschung“, heißt es in der Analyse. Ein Sieg würde Schottland erstmals in der Geschichte die Gruppenphase überstehen lassen.
Andrew Robertson bedankte sich unterdessen bei den Anhängern: „Wir wissen, dass wir die besten Fans der Welt haben, und wir wissen auch, wie lange sie auf diesen Moment gewartet haben. Sie werden ihn so oder so genießen, aber unsere Aufgabe ist es, ihnen echte Momente zu schenken, über die sie jubeln können.“ Zudem erklärte Robertson: „Diese Energie der Fans überträgt sich auf die Mannschaft.“ Die Party in Boston wird also weitergehen, ganz gleich, wie das Spiel am Samstag ausgeht – vorausgesetzt, das Bier reicht.
Die schottische Invasion steht symptomatisch für ein Turnier, bei dem die Fanmassen selbst zu Hauptdarstellern werden. Auch kroatische Gäste traten im texanischen Fernsehen auf, zahlreiche Fußballfans besuchten das Rodeo der Fort Worth Stockyards nahe Dallas, wo englische Anhänger in den sozialen Medien auffielen. Tausende brasilianische Fans füllten den New Yorker Times Square vor der Partie gegen Marokko. Selbst der Emir von Katar, Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, flog nach Angaben der AP mehrere tausend Anhänger nach Vancouver, um Katars zweites Gruppenspiel gegen Kanada zu unterstützen. Videos in sozialen Medien zeigten allerdings auch einzelne Fans aus Algerien und Argentinien, die handgreiflich aneinandergerieten.
Boston hat sich unterdessen in ein vorübergehendes schottisches Hoheitsgebiet verwandelt – mit Dudelsackklängen, Verkehrshütchen auf jeder Statue und einer Bierknappheit, die selbst den Vorrat der Brauerei in den Schatten stellt. Die Wirte rüsten sich mit zusätzlichen Lieferungen und Kühlschränken für das Wochenende. Ob die Vorräte bis zum Anpfiff am späten Samstagabend reichen, bleibt abzuwarten.
Fragen & Antworten
Wie stehen Schottlands Chancen gegen Marokko?
Mit einem Sieg am Samstag könnte Schottland erstmals in der Geschichte die Gruppenphase einer WM überstehen. Marokko ist allerdings regierender Afrikacup-Champion, WM-Halbfinalist von 2022 und gilt mit Achraf Hakimi als Favorit.
Schottland-Fans in Boston: Bier ausverkauft vor WM-Spiel | sportnachrichten