Im WM-Viertelfinale in Miami hat England Norwegen nach Verlängerung mit 2:1 (1:1, 0:1) besiegt und ist damit zum vierten Mal in seiner Geschichte in ein WM-Halbfinale eingezogen.

Vor 64.478 Zuschauerinnen und Zuschauern im heißen und feuchten Miami entwickelte sich am Samstagabend ein hochklassiges Viertelfinale, in dem England früh die Kontrolle übernahm, aber zunächst nicht in die gefährlichen Zonen kam. Die ersten 20 Minuten verliefen ohne echtes Highlight, ehe Englands Jude Bellingham per Kopf (19.) und Harry Kane per Freistoß (29.) ihre Chancen nicht im Tor unterbringen konnten.

Dann kippte die Partie zugunsten der Norweger. In der 31. Minute leistete sich Englands Verteidiger John Stones einen Ballverlust am eigenen Strafraum, doch Torhüter Jordan Pickford war vor dem heranstürmenden Erling Haaland am Ball (33.). Wenig später meldete sich Haaland mit einem ersten Kopfball bei Pickford (35.), ehe die Skandinavier in der 36. Minute tatsächlich trafen.

Schjelderups Traumtor bringt Norwegen in Führung

Andreas Schjelderup, der in die norwegische Startelf gerückt war, schlenzte den Ball vom Strafraumeck mit dem linken Fuß unhaltbar an den rechten Innenpfosten und von dort ins Netz – 1:0 für Norwegen. Schjelderup, 22 Jahre alt und Offensivspieler von Benfica Lissabon, erzielte damit ein Traumtor aus spitzem Winkel.

Die Antwort der "Three Lions" ließ nicht lange auf sich warten. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte (45.+2) spielte Anthony Gordon den Ball flach von links in die Mitte, Bellingham nahm ihn mit einer perfekten Ballmitnahme direkt in den Strafraum mit und traf aus kurzer Distanz zum 1:1-Ausgleich. Es war der erste von zwei wichtigen Treffern des 23-Jährigen, der bereits im Achtelfinale gegen Mexiko doppelt getroffen hatte.

VAR-Entscheidungen prägen das Spiel

Sekunden später jubelten die Engländer erneut, doch Schiedsrichter Clément Turpin (Frankreich) erkannte den vermeintlichen Führungstreffer von Kane nach Lupfer über Nyland wegen Abseits wieder zurück (45.+5). So ging es mit 1:1 in die Pause, und Tuchel reagierte zur zweiten Hälfte mit einem Doppelwechsel: Bukayo Saka und Eberechi Eze kamen für Noni Madueke und Declan Rice ins Spiel.

Norwegen blieb jedoch gefährlich. In der 53. Minute köpfte Haaland nach einer Flanke von Ryerson auf das Tor, erneut war Pickford zur Stelle. Nach einer Ecke staubte Torbjörn Heggem in der 55. Minute ab, doch der Treffer wurde nach VAR-Check zurückgenommen, weil Haaland im Vorfeld ein Foul an Elliot Anderson begangen hatte. Eine umstrittene Szene, zu der der SRF-Experte Mladen Petric urteilte: «Das Tor hätte nicht zählen dürfen».

In der Folge erspielten sich beide Teams Chancen, die jedoch ungenutzt blieben. Alexander Sörloth (52., 67. Minute) verfehlte das Tor, ein Schuss von Nusa ging zu zentral auf Pickford (85.), und in der 87. Minute klärte Fredrik Aursnes einen Stanglpass von Saka vor dem einschussbereiten Eze. Auf der anderen Seite rettete die Latte für England, als Kristoffer Ajers Kopfball nach einer Ecke von Patrick Berg nur das Aluminium traf (76.).

Verlängerung mit offenem Visier

Auch in der Schlussphase der regulären Spielzeit blieb es intensiv. Kane köpfte nach einer Flanke aufs Tor, Nyland kratzte den Ball aus dem Winkel (93. Minute), und in der Nachspielzeit (90.+1) blockte Djed Spence einen Versuch noch über das Tor. Die regulären 90 Minuten endeten 1:1, sodass die Verlängerung die Entscheidung bringen musste.

In der Verlängerung hatte England die erste Großchance: Spence wurde im Strafraum von Bobb gelegt (99.), der VAR nahm einen möglichen Foulelfmeter nach Prüfung jedoch wieder zurück. Es war eine der Schlüsselszenen, die das Spiel auf der Kippe hielten. Kurz darauf parierte Nyland zunächst glänzend gegen Spence und Saka (110.), ehe die Engländer die entscheidende Szene des Abends erzwangen.

Bellingham entscheidet das Krimi

In der 93. Minute der Verlängerung, also in der 93. Spielminute insgesamt, schoss Morgan Rogers aus der Distanz, Nyland ließ den Ball nach vorne abprallen – und Bellingham war zur Stelle, um aus kurzer Distanz zum 2:1-Siegtreffer für England einzuschieben. Der Mittelfeldspieler von Real Madrid komplettierte damit seinen Doppelpack und krönte eine starke Einzelleistung.

In den Schlussminuten stemmte sich Norwegen gegen die Niederlage, ein Weitschuss von Patrick Berg ging über das Tor (109.), doch die "Wikinger" konnten die Partie nicht mehr drehen. Haaland, der insgesamt unauffällig blieb, wurde zu Beginn der zweiten Hälfte der Verlängerung für Jörgen Strand Larsen ausgewechselt (106.) und verlor damit seine Serie von 14 Länderspielen in Serie mit Torerfolg.

Emotionen auf beiden Seiten

Mit dem Schlusspfiff brachen die norwegischen Spieler in Tränen aus, Trainer Stale Solbakken weinte im TV-Interview, als er die Leistung seiner Mannschaft Revue passieren ließ. In Oslo feierten 135.000 Menschen die "Wikinger" bis weit nach Mitternacht beim Public Viewing. Die norwegische Zeitung VG schrieb trotz der Niederlage: "Takk for festen!" – "Danke für die Party".

Für England, das erstmals seit 2018 wieder in einem WM-Halbfinale steht, geht der Traum vom zweiten WM-Titel nach 1966 weiter. Am Mittwoch (21 Uhr Schweizer Zeit) trifft das Team von Trainer Thomas Tuchel in Atlanta auf Argentinien, das sich im Viertelfinale in Kansas City mit 3:1 nach Verlängerung gegen die Schweiz durchgesetzt hatte. Julián Álvarez und Lautaro Martínez hatten für die Südamerikaner getroffen, die Schweiz musste nach Gelb-Rot für Breel Embolo rund 50 Minuten in Unterzahl spielen.

Ausblick: Halbfinale gegen Argentinien

Während Tuchel mit seinem Team jubelte und auch der englische Fan und Ex-Nationalspieler David Beckham ausgelassen feierte, stand bei den Norwegern Torhüter Örjan Nyland im Mittelpunkt – als tragischer Held. Der 35-Jährige, der zwischen 2015 und 2018 48 Mal das Tor des FC Ingolstadt und 2022/23 zweimal das von RB Leipzig gehütet hatte, hatte zunächst glänzend pariert, ehe ihm beim 1:1 und beim 2:1 jeweils keine glücklichen Momente gelangen.

Der 23 Jahre alte Bellingham, der mit seinem Doppelpack in seinem zweiten K.-o.-Spiel in Folge traf, wurde zum Matchwinner und entschied eine Partie, die als 70-minütiger Angriff der "Three Lions" begann, sich über das Traumtor Schjelderups zu einem hochklassigen, aber auch hitzigen WM-Viertelfinale entwickelte und am Ende in der Verlängerung durch den Real-Madrid-Spieler entschieden wurde. Das Finale am Sonntag um 21 Uhr im New York/New Jersey Stadium bleibt für England damit in Reichweite.